Endlich unser Gewinn
Ein Vorwort von außen zu:
Danielle Spera
Erika Freeman
MUT
(Über 36 bedeutende jüdische Frauen)
Was ist jemand, vielleicht sogar: wer? Wir kennen ihn ja nicht. Aber wir kennen nicht niemand. Nicht jeder kennt jeden, aber jeder kennt jemanden. Das Wesen, das in Frage steht, ist die Sphinx, (etwa ein Mann?, kann sein, aber nicht hier...), eine Frau. Man schreibt den Frauen eine geheimnisvolle Macht zu. Vielleicht haben sie sie, vielleicht nicht, auf jeden Fall haben sie weniger Macht als die Männer. Oder haben sie eine andre Macht? Sogar gegen ihren Willen? Sie sind gefragt, wenn sie jung und schön sind, man fragt weniger nach ihnen, wenn sie alt und krank sind. Jugend und Schönheit sind nicht in Frage zu stellen, man sieht sie ja, und dieses Offensichtliche macht die Frauen auch zu Dingen, die nicht weiter befragt werden müssen, denn alles, was es über sie zu wissen geben könnte, sieht man ohnehin, man liest es ihnen ab, man liest es an ihnen ab. Sie sind selbst Geschichte geworden. Wenn es jüdische Frauen mit ihren zum Teil unaussprechlich grauenhaften Schicksalen sind, die aus den Speichen des Geschichtsrads gezogen werden (oder anderen Frauen, die ihr Schicksal in die Hand genommen haben, da es ihnen, aus purem Glück, niemand abgenommen hatte und ihr Leben dazu), dann werden wir zurückverwiesen an den Schalter für das Vorgegebene, das Nicht-Vorhandene, das wir manchmal geläufig beklagen.
Diese Jüdinnen, von denen hier die Rede ist, sind nicht einfach Frauen wie alle andren Frauen auch, und sie können es auch nie sein und nie werden, gerade wenn sie bedeutend, ja, berühmt geworden sind, weil sie von der Geschichte ihres Volkes (auch nachträglich) determiniert sind, das heißt ein Stück ihrer Identität beraubt wurden, gerade indem sie auf diese Identität immer wieder zurückgeworfen werden, als hätte nicht jede von ihnen ein individuelles, einzigartiges Schicksal. Und dennoch "stehen sie für etwas", egal, welches Schicksal, welche Karriere sie hatten. Es gibt viele Frauen, bis wir auf Einzelne stoßen, um erst hinterher auf das Allgemeine, auf ihre historische Determiniertheit zu kommen, weil wir sie als Einzelne (aber nicht Vereinzelte, dem steht wiederum diese Determiniertheit entgegen, die eigentlich von Rassismus kommt, der Menschengruppen auf ein Merkmal reduziert; und Jüdinnen werden, ob sie wollen oder nicht, auf das Allgemeine, das eigentlich eine Dingheit ist, verwiesen, und dieser Verweis war in der Geschichte oft auch ein Verweis aus dem Leben und in den vorherbestimmten Tod) gar nicht wahrnehmen können. Wie könnten wir also diesen jüdischen Frauen als Einzelne begegnen, vielleicht weil sie, jede auf ihre Art, aus der Menge hervorgestochen haben als herausragende Menschen? Heidegger stellt die Frage nach dem Ding. Und indem man Jüdinnen, auch die berühmtesten unter ihnen, auf ihre Geburtlichkeit, ihre Herkunft fixiert, macht man ja Dinge aus ihnen und hält sie in dieser Dinghaftigkeit faktisch gefangen. Dieses Buch jedenfalls macht sie wieder zu Subjekten, die sie doch immer waren, es gewinnt sie aus der Geschichte wieder zurück, von der sie erzählen oder erzählt haben. Und jede erzählt anders und gleichzeitig von einer Anderen, die sie auch selbst ist. Denn wenn man nur als Abkömmling einer "Rasse" gesehen wird, muß man sich mit einer Erzählung des Eigenen dagegen stemmen. Wenn Heidegger von Dingen spricht, (so, wie er sie definiert), denen er etwas wie eine "Laune" zuschreibt und fragt, ob es an den Dingen selbst liege, wenn sie einem vereinzelt begegnen, so, wie sie sich eben darstellen oder uns als einzelne begegnen, nicht mehr vereinzelt, sondern eben nur einzeln, ganz, wie sie wollen, die Dinge, denen er quasi einen eigenen Willen zuschreibt, ob sie uns also begegnen wollen oder gleich wieder kehrtmachen, wenn sie uns sehen (und nicht umgekehrt): Verändert das die Dinge?
In unserer Geschichte haben wir, die sogenannten Einheimischen, alleine bestimmt, wie wir den jüdischen Frauen, von denen heute fast nur noch als einer anonymen Menge gesprochen wird, einfach Frauen, die hier heimisch waren, denen man das Heimatrecht aber entzogen hatte, begegnen oder nicht begegnen wollen. Hätten wir gewußt, daß sie einmal berühmt werden, wenigstens einige, wären wir ihnen vielleicht mehr entgegengekommen und hätten sie verschont. Um den übrigen, die keiner kennt, nicht begegnen zu müssen, weil wir in ihnen ja auch uns selbst sehen hätten können, eben ganz normale Menschen, gute, schlechte, durchschnittliche, haben wir sie fortgeschafft oder abgeschafft. Aus den Augen aus dem Sinn, sagt der Volksmund, der natürlich nur aus unsrem eigenen Volk in seiner sinnlosen Tümlichkeit spricht, dem Einzigen, dem wir als unsrem eigenen Eigentum überhaupt gegenübertreten dürfen, ohne Gegnerschaft fürchten zu müssen. Und in unseren Gedenkfeiern versuchen wir verzweifelt, der Austreibung aus dem "gesunden Volkskörper" nachträglich einen Sinn zu geben, und wäre es ein negativer, aber kein Unsinn, das wäre zu unernst. Die Vertriebenen und Ermordeten kommen wieder zu uns zurück, wie die Negative von Fotografien, aus denen man nichts Positives gewinnen kann, nicht einmal Erkenntnisse, denn es wird gefeiert, daß es sie einmal gegeben hat, und es wird auch gefeiert, daß es sie noch (oder schon wieder) gibt. Sie müssen oft für ihre eigene Existenz noch Zeugnis ablegen, damit wir unser Eigenes von der Geschichte nicht mehr erhalten müssen, wir hatten es je schon. Die Berühmten aber werden immer gefeiert. Man reißt sich darum, sie eingemeinden zu können, oft nachträglich, aber doch, damit sie uns nichts nachtragen. Wenn wir nur eine Hannah Arendt noch oder wieder hätten! Die würde es uns schon sagen, was wir nicht sagen können.
Dieses Buch ist keine Überwindung des Grauens, das zahllose jüdische Frauen wie eine zerrissene, verkohlte Schleppe hinter sich herziehen, sondern es schafft so, wie es geschrieben steht, wieder einzelne Menschen in unser Gedächtnis, Frauen, die nicht aus der Konkursmasse des Dritten Reichs wieder herbeigeholt werden mußten, sondern solche, die für uns immer anwesend sind, weil sie, da bedeutend, natürlich immer zu uns gehören dürfen. Indem einige Große hervorgeholt werden, gewinnen wir etwas wieder, auch wenn das Verlorene (das wir alle verloren haben, indem wir so viele verloren haben) nie mehr zurückommt. Es gibt in diesen wenigen, die erwähnt werden, diese vernichtete Menschenmenge sich selbst zurück, indem sie einzelne Selbste, Iche, subjektive Bilder von subjektiven Lebensäußerungen, hervorholt, "vor den Vorhang holt", wie man oft sagt und wie man es mit Berühmten eben gerne tut (um andre hinter ihnen unsichtbar zu machen?), bevor sie noch genauso gebeugt werden können wie die unüberschaubare Menge der Verlorenen, Vergeudeten, die keine Gesichter hatten, die sie hätten verlieren können. Als wäre das wirkliche Leben ein Theater. Nein, die ganze Welt ist eben nicht Bühne! Nur manche Leute machen ein Theater mit sich, wie man so sagt, weil sie es nötig haben. Andre sind einfach nur da (und dann ganz weg), mehr nicht. Einige sind mehr da als andere. Mehr als da sein kann man nicht, weniger aber schon. Man kann auch ganz weg sein wegen etwas und wegen sowas schon auch.
So gewinnen wir aus einer Masse, von der wir, wie gesagt, bei weitem nicht alle Gesichter kennen, nur wenige, im Vergleich mit einer unzählbaren Zahl, unsren eigenen Gewinn, den wir mit nach Hause nehmen dürfen, wir gewinnen die, die wir uns ausgesucht haben, uns selbst können wir ja nicht austreiben. Dieses Volk hat Bedeutendes vollbracht und bedeutende Menschen, sogar Frauen!, hervorgebracht. Wir, der schweigende Rest, sind, was geblieben ist, sehen uns aber als einzige, die es gibt. Wir nehmen uns überallhin mit, wie man aus einem Sprechen "etwas mitnehmen" könnte. Und da sind in diesem Buch welche festgeschrieben, die statt "wir" "ich" sagen und sich immer wieder gegen eine brüchige Gemeinschaft behaupten konnten, die schon einmal beinahe ganz zerbrochen war. Es tauchen einzelne Menschen, es tauchen diese Frauen wieder auf, man gewinnt sie jetzt langsam wieder, als wären sie aus dem Humus unserer eigenen Taten neu hervorgesprossen und müßten für uns produktiv werden, damit wir was lernen oder zumindest was auf dem Teller haben, wenn schon nicht auf einem inneren Radarschirm, mit dem man viel weiter sehen könnte, und dieser Gewinn bedeutet mehr für uns als für sie, er bedeutet, daß sie jetzt nicht mehr verschwinden können, gerade weil so viele verschwunden sind, denn wenn wir uns vor die Waffen der Geschichte stellen, die schon wieder in Anschlag gebracht werden, gewinnen wir uns auch selbst wieder zurück, vielleicht diesmal sogar als die Sieger?, als die wir die Geschichte und ihre Ein- und Ausschläge schon wieder zu verleugnen suchen; und wir tauschen die Bilder von uns aus, nein, das nicht!, wir tauschen sie mit andren, immer gerne mit Berühmten, an deren Stelle wir uns gerne setzen würden, wir tauschen also, wie früher die Fußballerbildchen, bevor wir sie endgültig nur noch auf dem Schirm von Geräten hatten, und erst in diesem Tausch würden wir dann gerne sehen, daß wir sind wie sie, die wir uns ausgesucht haben, weil die natürlich die Begehrtesten sind. Und daß sie jeweils "Eine von uns" ("Gilgi, eine von uns", war der Titel des ersten Romans von Irmgard Keun, die sich selbst ausgetrieben hatte, obwohl sie nicht hätte emigrieren müssen, sie hat sich selbst zu einer der "Anderen" gemacht) waren, ohne daß wir uns einst eingestanden haben, daß die, die wir nicht bei uns haben wollten, waren wie wir. Die Großen, Bedeutenden sind allerdings niemals wie wir, sie sind es nie gewesen, sie werden zu einer Art Dinge, einer Heideggerschen Dingheit, das, wonach das Ding, um es als solches zu bestimmen, mit Suchmaschinen abgefragt werden kann, und sie dürfen immer bleiben, wo sie wollen. Wir waren danach nicht mehr wir. Je mehr wir auf das Mir san Mir bestehen, desto weniger sind wir es. Wir wollen gern dazugehören und gehören nicht einmal uns selbst. Aber berühmt sind wir dadurch immerhin auch geworden.
Veröffentlicht am 27.09.2026 auf elfriedejelinek.com