Der Somnambule im Erwachen
(zu Ludwig van Beethoven)
Er ist zu groß für mich, geht nicht in mich hinein, will nicht, auch wenn ich ihn mit Fingern und Tasten hineinprügle, er entgeht mir, ich gehe selbst, ich bin gegangen. Ich frage mich, was ist bei Beethoven so schwer, daß ich es nicht tragen kann, tragen vielleicht, auf meinem Rücken, aber hinein will er ums Verrecken nicht. Er will seine Grundstücke nicht verkaufen (was er aber doch immer wieder mußte), er will sie auch nicht an uns verpachten. Er hat sich immer eine Verfügungsgewalt vorbehalten. Seine Feindschaften wiegelten Menschen auf, wogen aber auch alles auf, was aus Feindschaft kommen konnte, indem er es vereinigte in einer Art Menschenliebe, universell wie der Tod. Wer ihn zum Zorne reizte, und das war bald jemand, hätte sich wahrscheinlich selbst gern als Pfeil abgeschossen, nur um woanders zu sein als er. Über ihn weggekommen ist keiner. Doch während wir ihm uns noch gebückt nähern, ist er schon längst aufrecht weggegangen, aber nicht als ein Aufrechter, sondern so, als wäre die Musik sein alleiniger Privatbesitz, auch wenn er sie mit anderen teilte. Sein Körper – sein Königreich, und wir im Königreichsaal, und zwar ohne gleich die Religion wechseln zu müssen. Sein Körper ist in seiner Versehrtheit immer öffentlich gewesen. Die Welt der Erscheinungen hat immer schon Wege durch den Urwald zu ihm geschlagen, er selbst hatte auch etwas Urweltliches, seine Augen, befreit vom Gehör, stachen hervor, nur um in der Außenwelt nichts als belästigende Störungen seiner inneren Welt zu sehen, wie Wagner von ihm sagte, und indem er diese lästigen bis furchtbaren Störungen von außen von sich abzuhalten suchte, waren sie doch, siehe die Konversationshefte!, Teil seines sogar erwünschten Verkehrs mit der belebten Außenwelt. In sein Inneres konnte man nicht sehen, obwohl man das oft von Künstlern behauptet. Kampf war der Ausdruck in seinem Gesicht, nein, Krampf, sein Kampf war Krampf, dieses Gesicht stand immer unter Spannung; hätte es den Strom dazu schon gekannt, es wäre sofort hineingesprungen, nur um zu sehen, ob es danach noch atmen kann. Trotz. Aber keiner hätte sagen können, er wäre ein Trotzkopf aus Prinzip. Ein ungeheures Lachen, das kein Lächeln, kein Zucken der Lippen als Vorstufe kennt, auch nicht als Nachbrenner; dieses Lachen hat kurz die Anspannung lösen können, unter der er stand. Schauen Sie, da ist sein öffentlicher Körper, der vorgeführt wird, lang noch nach seinem Tod, heute immer noch. Wie kann man diesen Menschen in Privateigentum und Königtum aufteilen? Es ist ja in der Kunst meist so, daß die Leute Königtümer von Künstlern plündern (ich verwende absichtlich nicht die weibliche Form, denn weibliche Künstler zählen nicht; weibliche Künstler haben in der Regel – ja, die Regel haben sie auch, eine Zeit lang, schauen knackig aus, und danach zählen sie gar nichts mehr – aber in der Regel zählt bei ihnen, mit wenigen Ausnahmen, nur ihre Weiblichkeit, wie man sie anschauen konnte, wie sie sich gezeigt haben, denn die Frau ist in erster Linie Körper, und erst später, wenn man lang genug hingeschaut und gewartet hat, ob da vielleicht doch noch was kommt, sieht man dann auch ihre Arbeit, die ansonsten so selbstverständlich ist, daß man sie gar nicht bemerkt), welche diese Künstler allein aus sich heraus geschaffen haben, zuerst als Menschen, die Rechtsgeschäfte betreiben (und nicht, wie er, Wohnungen wechseln wie Hemden), und dann auch aus eigenem Recht, mit dem sie anderes plündern, es ist ja genug da, es mit anderen treiben, worüber man gern hört und liest, mit wem, denn das zählt mehr, dieses Mit-Wem, wer war Beethovens Unsterbliche Geliebte? Wer denn? Wer war die denn?
Beethoven treibt sich selbst voran, er trieb es so lange mit sich selbst, bis er seinen „natürlichen Körper“ abgelegt, seine Jugend und Reifezeit auch abgelegt hat wie eine Schlangenhaut, und seinen Körper, von dessen Gebrechen wir wissen. Um öffentliche Geltung zu erlangen, hat er sich einen fehlerhaften zugelegt, als wäre er selbst ein öffentliches Amt gewesen, das aber nur selten offen hatte (nicht: hätte eins bekleidet – der Körper des Königs ist seine Bekleidung, er legt sie nicht an –, aber ein Amt ist es noch nicht, wenn man in die Öffentlichkeit geht mit seinem ganzen Wirken und Weben, was meist in Ohnmacht geschieht, denn oft wissen die großen Meister nicht, woher das kommt, was sie danach wieder von sich geben, nicht indem sie sich verausgaben, sondern indem sie einfach geben, etwas hergeben, das aber sowieso unbedingt raus will, alles muß raus!). Er ist zum König geworden. Ein König, der gleichzeitig Narr ist, sein eigener Hofnarr, er schaut sich selbst zu dabei, wie er sich narrt, eben weil er ein König ist, darf er das.
Bei Beethoven muß man erkennen, daß er diese zwei Körper hat, einen natürlichen und einen politischen (wäre er König) sowie einen närrischen (als Künstler). Diese beiden bilden einen einzigen Körper. Einer vergrößert, potenziert den andren. So schlagen diese zwei Körper, der wirkliche und der imaginäre, der bei Beethoven sogar noch wirklicher ist als sein realer schwacher, kranker Körper mit dem oft beschriebenen Titanenkopf, aufeinander ein, bloß weil sie eben beisammenbleiben müssen und sich nicht voneinander trennen lassen. Mozart, das kranke Sonnenkind, mit seinen vom Vater aufgepropften Möglichkeiten zu allen musikalischen Wendungen, die zu seiner Zeit denkbar waren, und auch mit den vorher nicht denkbaren: dieses Über-die-Schnur-Schlagen!, das bei diesem Künstler wie ein leichtes Schnurspringen war, bis er das Seil fallengelassen hat – die vorher nie dagewesenen Möglichkeiten des Komponierens haben gegen die Wände des Körperhäuschens geschlagen, doch sie konnten nicht ausbrechen. Ein vollendeter Vollender: Mozart. Ein Körper, der frei ist von Leiblichkeit, indem er den Leib anerkannt und geschützt hat, er hatte ja keinen andren als diesen Wonnepfropfen, der aber nichts verschlossen hat. Beethoven jedoch hatte zwei Körper, und seine Versehrtheit machte ihn erst recht unversehrt. Denn er hatte immer noch den andren, der hören konnte, ohne zu hören. Wer es hören kann, der höre es. Wer nicht hören kann, wird dem folgen, was er nicht hat, von dem er aber weiß, daß es existiert, in einem andren Körper, in dem er sich vollzieht, trotz aller Schmerzen. Unsterblich sind beide. Doch hat nur Beethoven eine Art Seelenwanderung vollzogen, von einer Inkarnation seines „schöpferischen“ Künstlerkörpers (eigentlich zurück) zum Königskörper des Schöpfers (so wie Goethe Dichterfürst genannt wurde), der ein Drittes hervorgebracht hat, eine Hymne für ein ganzes großes politisches Gebilde: Europa. Eine Europahymne von Mozart oder gar Haydn ist undenkbar. Aber für nationale Erkennungszeichen reicht es. Die wäre sofort in Stücke zerfallen, hätten sie so viel Raum bekommen, weil kein Königskörper sie gestützt und kein Narr/Künstler-Körper sie ertragen hätte.
Mit dem Akt des Öffentlichseins bis in die Gegenwart, in der er sogar noch stärker öffentlich ist, als er es zu seiner Zeit war, es geht ja nichts ohne ihn, nicht einmal Europa geht ohne diese einigende Europahymne!, hat er mit dem natürlichen Körper abgeschlossen und eine Würde erlangt, die er selbst war, Würde, in einer Person vereinigt, unteilbar, auch vom Leben selbst, auch durch den Tod war er nicht von dieser Würde zu trennen. Der arme Mensch mit seinen Schmerzen ist verschwunden, hatte aber kein Versteck für sich und mußte daher wieder in den eigenen Körper zurück, diesmal jedoch ein Körper in einem Körper, der zweite Körper, der sich an sich selbst überhoben und schließlich enthoben hatte. Man kann von Beethoven sagen, wie es Kantorowicz von den zwei Körpern des Königs ungefähr, vielleicht sogar gar nicht sagt, der „korporative“ Beethoven (in diesem Fall , sein schaffender Körper, der uns allen gehört, ohne daß wir etwas dazu beigetragen hätten), dieser Leib Beethovens, also seine Würde und sein Menschsein in einer Person, der pocht an unsere Tür, man muß ihn gar nicht hereinlassen, er pocht also und wird gleich eine Sinfonie, die Fünfte, und diese eine Person, Mensch, Beethoven!, kann nicht mehr mit seinem natürlichen, versehrten Körper auseinandergerissen werden, sie bilden einen einzigen Körper, der gleichzeitig größer gemacht wird, das heißt, sie machen einander gegenseitig immer größer, der natürliche Körper und der Künstlerkörper (der „politische!“), wir schauen zu ihnen hinauf, er schaut nicht zu uns hinunter, wozu auch?, in dieser Einheit ist eins im anderen enthalten. Ein solcher Vergleich ist im 14. Jahrhundert sogar für Hermaphroditen, Zwitter, Nonbinäre gezogen worden, vom italienischen Juristen Baldus, wer immer das war, schlagen Sie mich nicht, schlagen Sie es nach!, ich schreibe das ja nur ab und habe keine Verantwortung dafür zu übernehmen, meinem Körper ist das ganz wurscht, ich hab nur den einen, der schon verfällt. Was sagt der Jurist also dazu, diese Armen müssen ja immer vor einem Tribunal reden? „Wenn eine Vereinigung zweier Extreme vorliegt, in der die Eigenschaften beider Extreme wohnen (zum Beispiel beim Hermaphroditen, also beide Geschlechter), dann zieht das prominentere und auffälligere das andere an sich.“ Und man kann die Analogie ziehen, daß das juristisch auch für die zwei Körper des Königs und also auch, wie ich behaupte, für die beiden Körper dieses Komponistenfürsten Beethoven gilt. Der sterbliche Leib ist weg, der unsterbliche kann nahtlos die Nachfolge antreten und uns in Andacht erstarren und unsere eigenen Hervorbringungen für uns behalten lassen, denn sogar die körperlichen Eigenschaften dieses Königs, vor allem seine Taubheit (als ob allein sie den Komponistenkönig definiert hätte!), haben einen eigenen Mythos konstituiert, als wäre Beethoven selbst seine eigene Taubheit gewesen, die doch nur eins seiner Merkmale war, was wiederum bezeichnend bei diesen Zweikörpergedanken für einen König wäre, daß nämlich sogar seine körperlichen Eigenschaften, für die er ja nichts konnte, ihn selbst ersetzen können, pars pro toto, aber nicht wie bei einem tauben Menschen, der „etwas aus sich gemacht hat“, trotz Behinderung sich eine Karriere geschaffen und geschafft hat, durch eigene Arbeit und Fähigkeiten, sondern indem seine körperlichen Eigenschaften sein Königtum nur betont und hervorgehoben haben. Diese Art Königswürde haftet untrennbar an Beethoven, denn er und sein Körper sind ja untrennbar, nur ist der Körper irgendwann abgefallen, und er selbst ist geblieben und bleibt immer noch. Man kann also sagen: Dieser Komponist hat, vor allen andren Großen und Berühmten, die auch, wie man so sagt, der ganzen Menschheit gehören, diese eine Eigenschaft, daß er nämlich zwei Körper hat, von denen der eine ein natürlicher ist, wie ihn jeder hat, der sich etwas anstrengt, aber diese Anstrengung tut nichts zur Sache (außer er wäre vielleicht Bodybuilder; Arnold Schwarzenegger zum Beispiel ist sein Körper, er ist sozusagen etwas wie das Gegenteil von Beethoven), sie geht nahtlos ins Geschaffene ein, denn dieser König IST selbst sein Geschaffenes, und wenn man Ernst Kantorowicz abwandelt, könnte man sagen: Während Beethovens Leib die Krankheiten alle, vor allem diese konstitutive Taubheit, ertragen mußte, hatte er zugleich einen politischen Körper, dessen Glieder bis heute wir alle sind, die ihn immer noch mit Leben erfüllen (oft heiße Luft, wie eine Montgolfière, und trotzdem steigen auch wir auf!, wir schaffen das!), gerade durch diese Europahymne ist er immer wieder alle, die ihn hören, ist er eine öffentliche Figur, ein Alleinherrscher, trotz großer, größter Komponisten neben, vor und nach ihm, denn seine Genialität ist mit seinem Körper untrennbar verbunden. Das arme Genie Schubert, das so jung gestorben ist und zu Beethoven nie durchdringen konnte, IST nicht seine Todeskrankheit. Ja, da kann ein andrer Meister lange rackern, bis er dieses Verschmelzen erreicht. Der Tod bringt jemandem wie Beethoven (aber wahrscheinlich den meisten Künstlern) nur Vorteile, weil auch er erhöht.
Ernst Kantorowicz weist das anhand von Shakespeares Königsdrama „Richard II.“ nach (die Kunst weiß ja immer mehr als die Realität!), und so sind die Narren Shakespeares auch wieder in gewisser Weise zwiegespalten, übernehmen quasi, als Parodie, in aller burlesken Lächerlichkeit die andre Seite des Königtums, das sich bei Shakespeares König aus seinem Tod heraus definiert, nicht aus seinem Leben, und das gilt in den Königsdramen, auch in der Umkehrung, so wie im Kontrapunkt das Thema in all seinen Ausformungen, von vorn, von hinten, gespiegelt etc., immer wieder hervorkommt, haben auch alle Könige ihr Sterben, jeder eins, aber das ist nicht einfach nur das Hinsiechen und Sterben eines Körpers, während ihr Königtum strahlend hell erleuchtet bleibt, sondern der Tod (und nichts als er) definiert plötzlich ihre Königskörper. Ein langer Zug des Entsetzens ersteht vor den Augen und aus dem Mund des Dichters (im Drama), Trauermären, furchtbare Qualen, Todesarten, Folter, Verwandtenmord und Inzest und noch mal Mord, auch Kindsmord, umgeben den jeweiligen König (an Stelle des Heiligenscheins Gottes und der Heiligen), er wird sein Tod, und der Tod wird er. Verewigt für die Zukünftigen (und im Fall Richards II. die Verewigung durch den größten aller Dichter). Darunter muß er es nicht tun, billiger gibt ers nicht, dafür muß er sich nicht anstrengen, sein Körper macht das schon, der hat das schon für ihn erledigt, er hat auch andre Körper erledigt (egal, ob er und all die andren wirklich so gestorben sind oder nicht!). Er wird in diesem Sterben (als wäre sein Fleisch Erz!) verewigt, der König, das Sterben wird zur Hauptsache, ohne Sterben keine Verewigung, das gilt auch für jemanden wie Jesus. Und nur der Narr, also der Künstler!, kennzeichnet den Übergang des Menschen vom König zum Gott und wieder zurück ins bejammernswerte menschliche Chaos und Elend. Der Narr/Künstler kann über diese Grenze gehen. Aber, in ein und derselben Person verwirklicht, konnte das nur Beethoven in der Musik, weil er eben kein Grenzgänger war, sondern immer, auf jeder Seite, im Diesseits wie im Jenseits immer: DA. Er wußte, was sich gehört und wem die Menschen gehören: dem Tod.
Wer folgt schon einem Seher? Das wäre unvernünftig, denn der sieht doch nie das, nicht einmal das, was in der Nähe liegt, denn sieh, das Ferne liegt so nah! Und wenn der Seher blind ist, dann wird sein Raum unendlich, er sieht alles und nichts. Er fühlt sich als Sieger und wird zum Despoten über das Gesehene, dem er Sachen anschafft, die von den Augen unmöglich erfüllt werden können. Was ist das mit dem erblindeten Seher? Warum folgen ihm so viele? Ich sagte es schon, vom Hören auf das Sehen umgeleitet, bis einem beides vergeht: weil er alles sieht, also das, was man selber sieht, auch noch dazu. Besser, wir weichen vom Rat des Sehers nicht ab, denn kommt Zeit, kommt Rat nicht immer. Er lenkt auf gerader Bahn das Schicksal, aber er sieht nicht, wie die gerade Bahn verläuft, er macht Kurven und Ausflüchte, er sucht Auswege aus etwas, das er gar nicht sehen kann. Er kann allerdings bezeugen, daß er etwas Nützliches, neben vielem Unnützen, erfährt. Da verlangt Kreon von Tiresias, daß der gefälligst das Schiff des Staates lenken soll, aber wenn er etwas sagt, das der Herrscher nicht hören und nicht lenken will, geht er auf der Schneide einer Rasierklinge spazieren! Seine Opfer, auf die er seine Gier richtet, denn wer nichts sieht und gleichzeitig alles, will trotzdem immer noch mehr sehen, verfallen den Autoritäten des Staats, der Seher hat unbekannte Stimmen gehört, die er nicht zuordnen kann und die sich mit ihren Krallen mörderisch zerfleischen. Das schaut nicht gut aus. Lieber Eingeweide anstarren, bis sie zu sprechen beginnen! Das haben wir bisher doch immer so gemacht! Eine zeichenlose Welt, deren Deutung verwehrt bleibt, ist alles, was erscheint. Bringen wir ein Opfer, damit sich alles klärt? Ja, da bringen wir halt ein Opfer.
Doch das Sehen ist immer auf ein oder mehrere Objekte gerichtet, die durch den Willen des Sehers erst entstehen, durch seinen Ehrgeiz, das weiterzugeben, das nur er sieht, weil er es eben gerade nicht sieht, und doch Führer sein muß zu etwas, das geduldet wird durch seinen Willen. Ein blinder Maler ist nicht denkbar, auch wenn inzwischen schon kluge Affen malen, die sicher auch irgendwas sehen, das aber keinerlei Verbindung zu ihrer künstlerischen Tätigkeit hat. Ein Blinder kann sich selbst etwas ausmalen, das kann alles sein oder irgendwas anderes (nicht irgendwas, sondern einfach etwas anderes), es muß nicht stimmen, er sieht es ja nicht wirklich. Der Taube jedoch gestaltet reziprok auch seine innere Welt, er sieht sie nicht nur, er macht sie auch!, ganz allein, was bleibt ihm übrig. Er muß innen hören, weil von außen her nichts mehr zu ihm eindringt. Und dann erfüllt er auch die äußere Welt mit etwas, das nur er hört, indem es alle hören. Das er nicht hört, obwohl alle anderen es hören. Wunderbare Taubheit, die die Welt, laß mich sein, Welt!, die die Welt vom Tauben fernhält, damit sie nicht mehr als Störung in den tauben Menschen hineinkann und womöglich in ihn eindringen.
Die Zweipersonentheorie des Ernst Kantorowicz, die sich wie gesagt auf einen menschlichen und einen heiligen Körper eines Königs bezieht, kann bei Beethoven nicht nur in der Dichotomie zwischen seinem menschlichen, verfallenden Körper und einer Genialität erscheinen, die bei diesem Komponisten das Vorstellbare sprengt und sich, darauf kommt es mir an, in fast körperlicher Ausprägung der Öffentlichkeit auch zeigt, denn Beethoven wurde ab einem gewissen Zeitpunkt zu seiner Taubheit, was nicht gezeigt werden kann und also „unerhört“ ist und bleibt, er schafft sein Werk quasi als das Urbild des Schöpfergottes, nicht nur als in der unzerstörbaren Hülle (wie eine Art Astralkörper seines Leibes , der schon zu Lebzeiten in den Himmel der Ewigen aufgenommen worden ist, und da geht er nur als etwas Körperloses, ein Strahlen rein, was weiß ich, als seine eigene Aura), sondern gleichzeitig auch noch im unaufhebbaren Gegensatz zwischen dem Genie und seiner körperlichen Versehrtheit (oder im Genie eben gerade mittels Versehrtheit), also er taucht auf in einem Riß, einem Einschnitt in seine Körperlichkeit, ohne die der Schöpfergott, der Königskörper, aber nicht denkbar ist, denn die Taubheit war ja untrennbar mit Beethovens Körper verbunden, und keine Rezeption seiner Werke kommt ohne ihre ständige Beschwörung (als prägende Eigenschaft dieses Schöpfers, die sich wiederum in seiner Schöpfung niederschlägt!) aus. Beethoven WAR quasi seine Taubheit! Als hätte er sie gebraucht (als hätte sie ihn gesucht)! Und sein Werk ist nicht nur das eines tauben Tonschöpfers, sondern die Taubheit hat es erst, auch als Mythos (denn die Werke des jüngeren Beethoven waren ja auch teilweise genial), geschaffen! In ihr konnte, nein, mußte der Komponist sich selbst erleben und erlebbar machen. Auf dieser Brücke zwischen dem Diesseits und dem Jenseits, der eigenen Transzendierung, balanciert er, eigentlich auf einem Schwebebalken, der aber von nichts gehalten wird.
Das Auge interessiert sich nicht für die Welt, der Taube muß auch nichts mehr sehen, er ist fertig, er ist schon fertig, es kommt ihm nichts mehr herein, und es kommt ihm doch alles herein, jeden Tag frisch, damit er es wieder herausschleudern kann. Erst durch Taubheit erhält dieser Komponist die einzige Macht, die es für den Narren gibt (welcher bei Shakespeare der eigentliche König ist, er kann sich die Welt untertan machen, nur im Sprechen, und sogar den König selbst vorübergehend, indem er sich ihnen, als Heiliger oder besser als Sakrosankter, verweigert oder eben: die Welt kräftig verarscht, bis man sie „richtig“ sieht). Die Dinge entstehen bei Beethoven wie auf diesem schmalen Grat einer Klinge, sind aber so groß, daß uns immer wieder gesagt wird, wir könnten sie gar nicht fassen, sie gingen nicht in unsere sozusagen körperlichen (nicht politischen, wir haben nur den einen, es kann für uns nur einen geben, an den wir uns festklammern!) Körper hinein. Diese Musik ist zu groß für uns, die zieht sich unser Körper nicht an!, aber eine Nummer kleiner geben wir es nicht, nein: nehmen wir es auch nicht. Diese Musik ist gerade groß genug für uns, sie steht uns zu, denn wir sind sowieso die Allergrößten! Sie muß genau so groß sein, daß wir uns ihr gewachsen fühlen, also wirklich sehr groß!, größer, als wir gedacht hätten, wir sehen ja nicht einmal unser eigenes Ende!, und das gibt es ja auch: den Schlußchor, der in den politischen Astralleib einer Europahymne (das wurde aus dem Kuß für die ganze Welt) eingegangen ist, den kann jedes Kind nachsingen, wenn man es ihm einmal vorsingt. Dieser letzte Satz von Beethovens Neunter ist kompliziert, in seiner Quintessenz aber, als welche dieses Hymne gewordene Volkslied, diese Volkslied gewordene Hymne gesehen werden kann, ist er eben wirklich: einfach. Sie ist kompliziert und einfach zugleich, real und mythisch, sie würde aber nicht als einfach wahrgenommen werden (was wir kapieren, kann unmöglich einfach sein!, wir sind ja die Größten, wir sind wirklich allem gewachsen!), gäbe es nicht gleichzeitig das komplizierte Harmoniegebäude der restlichen Sinfonie. Der letzte Satz von Mozarts Jupitersinfonie in seiner Kontrapunktik (am Ende schiebt sich ein fünffacher Kontrapunkt zusammen wie ein Zug an einem Prellbock, doch in größter Harmonie, die auch so begriffen werden muß, solange man noch etwas aus der Suppe herausfischen kann, das einem bekannt vorkommt) fällt einem da sofort ein, das Werk eines gleichzeitig Verzweifelten wie Sonnigen, eines dem Diesseits zugewandten Menschen, der um die Sonne trotzdem jeden Tag kämpfen mußte, und es ist eben genau das: ein Werk der intellektuellen wie emotionalen Stärke, das aber, und daran kann bei Mozart niemand zweifeln, ein Mensch geschaffen hat, und doch ist das alles zu groß selbst für diesen Menschen, diesen Kind-Mann Mozart, aber es geht grade noch so eben, er hat sie ja komponiert!, trotz körperlicher Schmerzen und auch finanzieller Not, geht es bei ihm in diesen Körper hinein und aus diesem wieder hinaus, den niemand je als einen Königskörper bezeichnen würde, so irdisch erscheint einem Mozart in all seinem Genie, seinen Zoten und Kalauern und seiner Verzweiflung, aber auch in seiner Meisterschaft.

Selbst wenn sich bei Beethoven der Körper des Tonfürsten (siehe auch Goethe, der andre Fürst, ein Fürst der Dichter und Denker) mit dem natürlichen verbindet und sich beide zu einem einzigen Körper zusammenschließen, löscht „der politische Körper jede Unvollkommenheit des anderen Körpers, mit dem er konsolidiert ist, und gibt ihm einen anderen Rang als den, den er hätte, wenn er für sich allein wäre“ (Kantorowicz). Und gleichzeitig konnte Beethoven seine Versehrtheit mit seinem Werk überwinden, das war in späteren Zeiten dann auch des Führers Freude; die Schenkel des Opfertiers liegen frei, „von des Fettes abgeschmolzner Hülle frei“ (wie Teiresias zum Repräsentanten des Staats, Kreon, spricht, und so wie Kreon der Repräsentant ist, war Hitler DER STAAT), so wie Beethoven nicht einfach ein tauber Komponist war, WAR er seine Taubheit, die er gleichzeitig, in der Sublimation, zu Musik machte, in der er sie überwinden konnte, er hat gehört, indem er nicht hörte, so wie der heroische Mensch im Nationalsozialismus eben sich selbst überwinden mußte und das auch konnte, er war Mensch, indem er Unmensch wurde. Er war in erster Linie Deutscher, das ist mehr, als man sein kann, und was etwas andres als alle andren Völker ist, die wir aber eh nicht mehr brauchen oder nur brauchen, um sie zu unterjochen und zu bestehlen. Und der Jude war (wie bei Weininger, der ihm weibische Eigenschaften zugeschrieben hat, ein weibisches Volk, die Juden, zu denen Weininger aber selber gehörte, unerhört!, aber man kann sich selbst – als Volk – selbstverständlich auch hassen, sogar das macht einen dann groß! Aus der Einsicht folgt die Vernichtung, bei Weininger die seines eigenen Körpers, bei den Nazis die aller andren Körper, die vom gesunden Volkskörper ausgestoßen, abgetrennt werden mußten) eigentlich ein Nichts, nichts als ein Körper waren sie, die Juden, als „Rasse“ ein Körper, der nicht über sich hinaus reichen, nicht einmal denken, sich nicht transzendieren konnte, und er war dem Volks-Körper eines ganzen, einen, einigen Volks (keine Rasse, sondern: alle!) ausgeliefert. Da war nichts zu überwinden, die aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossenen Körper waren von Anfang an verurteilt, und schon waren sie in Körpermühlen zermahlen, in Verbrennungsöfen zu Asche pulverisiert, verblasen über Felder, über denen – das letzte, das manchmal auch in einem Zimmer von einem Menschen bleibt – ein Geruch schweben bleibt und an allen gehaftet ist, auch an den sogenannten Nachgeborenen. Dieser Geruch, der an den deutschen Möchtegernheroen haftete, ging und geht nie mehr weg.
Das Sein ist bodenlos, es sinkt immer auf und in den Grund, in die Erde, jede Bewegung wird ein Absturz, der den Boden als Bodenlosigkeit beweist (das haben wir vorher doch nicht wissen können, daher haben wir es auch nicht gewußt!), und jede Möglichkeit, die einer glaubt zu haben, daß er alles erreichen, schaffen, besitzen kann, wird obsolet. Und was er schafft, ist Gerede, das in die Bodenlosigkeit hineinstürzt, ohne Rückfahrschein, wie man in den Wald ruft, hallt es einem nicht zurück, und da ist auch keiner, der dies Fallen, das eigentlich eine Falle ist, von keinem gestellt, sanft in seinen Händen halten würde. Wer auch immer, er würde es fallen lassen wie eine heiße Kartoffel.
So wie Beethoven den Mythos seiner Taubheit in die folgenden Generationen hineingetragen hat, ein Mythos, der in Musik „gegossen“ wurde, als wäre sie aus Erz, und also zur Musik selbst wurde, in der das deutsche Volk sich so gern wiederfad, als wollte es in ihr sich seines Volkskörpers (egal ob krank oder gesund: alles Deutsche!; die andren sind die andren) ganz besonders vergewissern – denn wer ein ordentlicher Möchtegernheld ist, der muß unbedingt zu einem heldischen Volk gehören, damit die Volksteile sich gegenseitig erkennen und nicht auf den ersten Blick woandershin rennen, wo sie keinen Sinn mehr ergeben –, so ist alles, was der Volksheld angreift, mit dem er glaubt, ganz besonders in der Welt sein zu können, indem er andre eliminiert, so ist dieser „gesunde“ Volkskörper genauso verurteilt und verfallen, wie er es mit andren gemacht hat. Dieser Held muß Versehrtheiten, Klumpfüße, genitale Mißbildungen, geniale Aufschneidereien in heißer Luft, alles, alles zur Vergrößerung seiner Volkheit benutzen, zu der er gehört, in deren Astralleib er hineingeschlüpft ist (es müssen ja Astralleiber gewesen sein, die das alles verbrochen haben, denn nachher ist es bekanntlich keiner gewesen), und ist doch ein Nichts, ein Nichts-Würdiges vor der Geschichte. So sind die Deutschen es, auf ganz andre Weise, als sie es gern hätten, letztlich doch nicht gewesen, da sie sich selbst zu einem Nichts gemacht hatten. Ihre Taten haben sich in Rauch aufgelöst, ja, so hätten sie es gern, und auf verdrehte Weise stimmt das auch, denn seit der Zeit der Vernichtung gibt es die Deutschen nicht mehr, indem es sie gibt, genauso wie sie Menschen in Rauch aufgelöst hatten, haben sie sich selbst als Volk vernichtet, negiert, durchgestrichen, bis man darunter nichts mehr lesen konnte. Und dieser Aufweis des Verfallens spricht scheinbar gegen die Bestimmung, das Volk der Völker zu sein, mit dem dieses Volk seine Bestimmung gefunden zu haben glaubte, die seine Idee von Existenz war, bis es sich selbst verloren hatte.

Mit Beethoven, dem Helden des Heldischen, dem Ausbund eines heldischen Volkes, wie man ihn sah, geht das nicht, es ist unmöglich, daß er nicht er gewesen ist, aber eben nicht als Leidender, sondern als Überwinder des Irdischen (und wenn man das Irdische überwinden kann, kann man auch den Heldentod sterben, ja, man ist sogar für diesen bestimmt! Es ist sowieso egal, man ist ja unsterblich!), als den man ihn gesehen hat, ein Schöpfergott eben. Und da gab es noch eine Art Gott für die Nazis, allerdings mit einem Klumpfuß, der für die Menge gut einen Verbrecher charakterisieren könnte, und sogar überzeugteste Nazis haben ja moniert, daß ihr ideologischer Anführer Goebbels gehinkt hat und eigentlich sein Hinken WAR, das ihn ausgemacht hat, das erste, was man an ihm wahrgenommen hat, nur mußte man eben darüber hinwegsehen, wollte man ein ordentlicher Nationalsozialist sein, der nichts als den totalen Krieg wollen mußte. Beethoven WAR seine Taubheit, gerade indem er sie überwinden und sich zu den größten Leistungen der Musik erheben konnte, die aber diesem heldischen Volk, das sie beanspruchte und noch beansprucht, nicht gehören. Je mehr es diese großen Werke für sich beansprucht hatte, desto schneller rannen sie ihm durch die Finger. Alle fühlen sich mit erhoben, doch der blinde Seher spricht ein Urteil über alle angemaßten Führer, die das Gegenteil von Blindenführern sind, die der Seher braucht, um auch mal etwas anderes eben nicht, genausowenig, zu sehen, daß (jetzt interpretiere ich, Entschuldigung!) er, der Führer, nicht der Blindenhund, nur durch kollektiven Willen als Führer geduldet ist. Er kann nicht mehr Führer sein, denn „Feuerstätten und Altäre sind uns jetzt besudelt durch der Vögel und der Hunde Fraß“ (Teiresias spricht natürlich vom toten Sohn des Ödipus, der da unbegraben herumliegt). Die Götter nehmen ab dem Zeitpunkt, da zurückgeschossen wird (obwohl gar keiner geschossen hat), Opfer und Gebete nicht mehr entgegen. Kein Widerspruch möglich, die Bewährung ist ausgesetzt. Und die Nazis waren Antisemiten, weil sie sich dazu überhaupt nicht überwinden mußten, zu gar nichts.
Zur Sache, zur Sache, gehts noch, na ja, es muß sein?! Was also geht aus alldem hervor, aus dieser Verbindung zwischen den beiden Körpern, einer unsterblich für den Volkskörper, der andre sterblich für sich selbst? Wer kommt denn da daher? Beethoven! Es kann kein andrer sein! Er konnte auch kein andrer sein! Kaum jemand war für die Nachgeborenen als Künstler so sehr er selbst wie er, in dieser Absurdität, eben ein tauber Komponist zu sein (so wie wir alle faule Kompromisse sind). Es muß einen wie ihn, und zwar als einzigen, gegeben haben. Wir hören es. Wer hören kann, der höre es, die andren aber auch. Alle. Hätte es ihn nicht gegeben, man hätte ihn erfinden müssen, so wie man aus einem Konglomerat aus Völkern das deutsche erfunden hat, könnte man flapsig sagen. Er ist das Ergebnis von allem, was einst möglich war. Es kann kein andrer sein als er (wobei man nicht weiß, ob das, wäre er nicht taub gewesen, auch der Fall gewesen wäre, da wäre aber auch sein Werk ein andres gewesen). Aber erst, wenn aus dem „politischen“ Körper dieses Musikkönigs, mit dem er die Welt in Besitz genommen hat, als ein Einziger sein Eigentum, erst wenn da etwas hervorbricht, das zum Eigentum der ganzen Welt werden wird – Freude, Freude!; der natürliche Körper saß da und schuf und durfte so an den Wirkungen des politischen teilhaben, die uns zu seinen Teilhabern machen, bis heute, Freude, Freude! –, wird klar, daß Beethovens Musik nichts ist, was er erlernt hätte, obwohl er sie erlernt hat, auch er hat natürlich den Kontrapunkt studiert, aber den letzten Satz seines Streichquartetts op. 130, der die Möglichkeiten der Kontrapunktik bis ins äußerste ausreizte, eigentlich überschritt, hat er ohne großes Murren (er, der so oft gemurrt hat) zurückgezogen, nein, ausgelagert. Man hat ihm gesagt: Das kapiert keiner, das kann man nicht aufführen, nicht so und nicht an dieser Stelle, nichts darf so aufhören wie das, nichts darf so verenden!, und was keiner kapiert, dafür gibt es auch kein Geld (um Geld mußten sie alle betteln, aber Beethoven hat gefordert: Es muß sein!). Es ist dem Hörer nicht zumutbar, daß da plötzlich punktierte Noten-Raubtiere (Leoparden?) in wütender Prankenhieb-Rhythmik auf arme Ohren, die immerhin hören können, aber nicht immer wollen, losspringen, zwischen den Gitterstäben, wo ein Dichter dereinst keine rechte Welt sehen wird, hindurch, auf die eigentliche Welt losgelassen, herausgefetzt aus absoluter Leere, die vorher war; und sie ist in allem, vielleicht weil sie, als Leere!, diesen Leerraum zwischen den Gittern füllt, durch den diese Tiere einem an die Kehle gehen, während es in den Ohren still bleibt, bis diese voll sind und gar nichts mehr hineingeht.
Mozart hat auf den letzten Satz seiner letzten Sinfonie (strahlendes C-Dur!, nur schneeweiße Tasten auf dem Klavier, die schwarzen sind weg) bestanden. Da Mozart aber, wie ich behaupte, diesen politischen Körper gar nicht hatte und auch nicht gebraucht hat, denn der hätte ihm nichts genützt (oder er war nur unvollkommen ausgebildet, dieser „zweite Körper“, im Absolutismus war sowas wirklich nur für einen Herrscher vorgesehen, auch Fürsterzbischöfe, wenn sie Herrscher waren, konnten es recht gut, man konnte sich Künstler als Machthaber gar nicht vorstellen, so sehr waren sie der eigentlichen Macht unterlegen), nicht haben konnte, weil keine Not an diesem Mann war bzw. alles Not war, ein leidender Mensch, dem so vieles weh tat, wurde er auf ganz andre Art als Beethoven unsterblich, der ein Staatsmann seiner Kunst war, ja einer, dessen Name ein Synonym für die Kunst (und deren Machtausübung!) selbst geworden ist. Kunstwerke können einen überwältigen, und wenn sie es nicht können, fressen einen andere Raubtiere.
Die Welt hat keinen Reiz für Beethoven, er ist fertig mit ihr, und je fertiger er ist, desto mehr Klänge überschwemmen ihn, die irgendwohin wollen, wo noch keiner gewesen ist. Sie packen ein Geländer und ziehen sich eine Stiege hinauf, deren oberes Ende nur schattenhaft zu sehen ist, aber, je höher der Komponist steigt, immer deutlicher sichtbar wird, obwohl sie in ihrem Schöpfer keinen Freund haben, sondern einen Gegner gegen sich selbst. Denn was er in seinem Inneren hört, ohne es mit den Ohren überprüfen zu können, treibt ihn immer weiter von sich weg, als hätte eine unsichtbare Peitsche an ihn geschlagen, und ein rasender Kreisel geriete außer Rand und Band. Ich sehe aber auch große Innigkeit, etwas schmiegt sich an ihn, das er so nicht wirklich kennt, weil der Schöpfer sein Geschöpf eben nicht bis ins Letzte kontrollieren kann, nicht einmal, wenn er es prügelt, die Endabnahme durch das Gehör fehlt, bis einer ihn selbst sich: endabnimmt und zum Verkauf auf den Ladentisch legt. Er steigt also immer höher, als wäre jemand hinter ihm her. Daß es wilde Tiere sind, die ihn verfolgen, weiß er noch nicht, doch so einen Jemand gab es zu seiner Zeit nicht, der Komponist hat sich verstiegen (nicht vergangen!), indem er zu weit gestiegen ist, nicht durch einen Irrtum oder weil ihn sein inneres Ohr getäuscht hätte, sondern weil er („aus solch wuchtigem Gehäuse in die Welt blickt“, wie Wagner schreibt) aus einem so riesigen festen Schädel, aus einer so ungewöhnlichen Dicke und Festigkeit, welche die Natur seinem Kopf gegeben hatte, seine Werkstücke behauen hat. Doch dieses wuchtige Knochengehäuse, diese Box, die ja so wuchtig sein mußte, damit der Springteufel in ihm sie nicht aufstoßen und rausploppen konnte, hat ihn nicht davor geschützt, sich immer wieder selbst zu überholen, weil das Innen eben immer stärker ist als das Außen (außer bei einem Arnold Schwarzenegger), das man überwinden kann. Dieses Innen also, in das er hineingehört hat, weil er von außen nichts mehr herangetragen bekommen hatte, wohin hätte er hören sollen als nach innen?, hat das Außen nicht mehr an ihn, den Schöpfer, herangelassen, jede akustische Störung war ausgeblendet, alle Geräusche des Lebens waren fort, hatten sich geschlichen, so mußte er sich eben Dinge abringen, die zuvor noch keiner gehört hatte, eben, genau, indem er selbst sie nicht gehört und sich auch selbst nicht mehr gehört hat. Er wußte jedoch immer, was er zu sagen hatte, und sagte es auch. Er war der einzige, der noch zu Hause war in sich (mir fällt da dieses schöne Gedicht von der Elfriede Gerstl ein: „wer ist denn schon bei sich, wenn er zu haus bei sich ist, wer denn“), also doch nicht zu Hause, wenn er bei sich war, nie zu Hause, kaum war er dort, war er auch schon wieder woanders zu Hause, er mußte doch immer außer sich geraten, und dort war sie dann auch, Stille, Stille, kein Geräusch gemacht, es wurde zwar gemacht, das Geräusch, als Geräusch war es da und gleichzeitig weg, wie ein Gespenst, das bekanntlich dadurch ein Gespenst ist, daß es überall hinkommt, zur Not auch mit fremder Gestalt, Hauptsache Gestalt!, daß man es erkennt: verkleideter Rauch. Oder Ruach: als Geist. Etwas, das, gestaltlos, überall hineinkann, gesteuert von niemandem, bis der Künstler es in die Finger bekommt.
Gerade weil Beethoven, trotz aller Verzweiflung, nichts mehr hören zu können, sich eine neue Welt schaffen konnte, die ihm selbst noch völlig unbekannt war, machte er sich mit seinen Zuhörern nicht bekannt: gestatten, Beethoven, sondern seine innere Welt, die da gesprochen hat, die den Zuhörern aber bislang auch vollkommen unbekannt war, hat die Vorstellung und den Willen dazu übernommen, den Leuten etwas Neues hinzuwerfen, nie gehört! (oder gern von vielen gehört, denn manches hat geradezu Mitsing-Charakter), und doch wiederum etwas, das sie kaum ertragen konnten, und ihnen die große Doppelfuge als Schlußsatz des Streichquartetts Nr. 130 zuzumuten, Musik für „Marokkaner“ oder für das andre Ende der Welt, die aber gar kein Ende hat und auch hier Ende nicht sein sollte, der Komponist wurde ja gedrängt, Gnade mit seinem Publikum zu haben und den letzten Satz auszutauschen, einen Wechselbalg zu schaffen, damit man ihn verdauen könne, anstatt ihn, kaum angebissen, schon wieder auskotzen zu müssen. Was schreien die Leute so? Wollen sie, daß man mehr auf sie hört als auf den Tonkünstler? Die Zeit wird hiermit bis in die Unendlichkeit ausgedehnt, wo man in früheren Zeiten die Vergänglichkeit alles Irdischen betont hatte, und so richtet sich das Zeitgefühl der Zeitgenossen auf Unendlichkeit, eine Revolution, in der eine „dialektische Verschiebung von der Vergänglichkeit der Zeit zu ihrer ewig strömenden, belebenden Dynamik stattfindet“ (Kantorowicz), und plötzlich hört man Geschrei, Lärm, Prügel, Tobsuchtsanfälle, denn ein Mahler wurde aufgeführt, ein Schönberg. Im Kunstwerk soll die Zeit stillstehen, jedem die Seine, und damit aufgehoben werden: Wenn wir was Schönes hören, soll das unendlich lang dauern, zehnmal höre ich mir den gigantischen Torso von Mahlers Zehnter an, und damit habe ich Rabattmarken geklebt für die Zukunft, die ich in die Gegenwart hineingeholt und damit zusammengeschoben habe, so habe ich Zeit gewonnen, aber Zukunft verloren, denn von irgendwoher muß mans ja nehmen!
Schon während sie währt, Beethovens Fuge, die keine Bewährung bekam, von keinem Richter, treten die einzelnen Themen gegeneinander an (die Signale ertönen für die Völker, es ist, als hätte Beethoven die punktierte Note eigens dafür erfunden, obwohl es in der Musik natürlich seit langem schon vorgekommen ist, daß man eine Note um den halben Zeitwert verlängert hat, denn was man der einen gibt, muß man der andren wieder nehmen), äh, ist das überhaupt eine Fuge? Ich höre ein Thema, Krebse winden sich in ihren engen Schalen, kriechen auf mich zu, als wäre das Thema in der Umkehrung das Eigentliche, dazwischen Brocken von Zwischenspielen, Fetzen des Themas, kommt er jetzt wieder zu sich selbst?, ich meine, kommt er endlich zu sich?, das kann er doch nicht ernst gemeint haben!, was braucht er ein zweites Thema, das erste war schon zuviel! Er braucht es ja gar nicht! Kommt er auf den grünen Zweig, einen Ölzweig?, in einem sanften, lyrischen Zwischenspiel, mehreren Zwischenspielen, wo wir uns alle wieder etwas beruhigt zurücklehnen können, während das Thema jederzeit wieder ausbrechen kann, wir ahnten es schon, und das später auch immer wieder tut, wie Fetzen, Lava, die von einem Vulkan fast spielerisch hinausgeschleudert werden, diese Ruhe vor den letzten Windstößen hat es nämlich in sich: Kann man das je wieder auf die und in die Reihe kriegen, wie Bach es doch so schön vorgemacht hat? Die stellen sich an, die Themen und Themenfetzen, aber nicht geduldig, um jeweils anständig aus- und eingearbeitet zu werden, ohne offene Quinten und Oktaven, wie es sich gehört, was passiert mit ihnen, haben wir überhaupt noch Platz für sie?, na, so, wie wir sie zuschneiden, vielleicht schon noch! Aber nein, da wirft er sie schon wieder weg, bevor sie sich noch setzen können, die Themen und Themenfragmente, schon vom Hauptthema gibt es ja vier Versionen!, er kann ja faktisch wühlen in ihnen, er hat so viele, doch in gewisser Weise sind sie sich immer eins und einig, und sie müssen alle rein, bucklig, versehrt, schreiend, weil sie sich selbst nicht anschauen können und hören wahrscheinlich auch nicht. So, und dann kommen sie als Krebse schon wieder daher, erkennbar nur noch von hinten oder auf dem Kopf stehend, gespiegelt. Also diese Musik kann sich ja selbst nicht hören!, sie erkennt sich selbst kaum wieder, obwohl doch alles aus ihr kommt, wer soll sie denn dann hören?, wenn sie sich selbst nicht mehr kennt?, während ihr Schöpfer schon längst die Umstände, unter denen er diese Welt überhaupt erschaffen hatte, nicht mehr ertragen konnte. Und die Große Fuge ohne große Gegenwehr als Schlußsatz aufgegeben hat, dafür hat sie dann aber eine eigene Opuszahl bekommen. Sonst wäre sie halt einfach sitzengeblieben, wo sie war. Namenlos, zahlenlos. Es hat ja nur einer dafür gezahlt. Das zahlende Publikum schließe ich hier aus.
Je mehr das Leben sich ihm verweigert, desto mehr Leben stößt er aus, der gehörlose Musiker. Was alle hören, kann nur er nicht hören, obwohl er es doch geschaffen hat! Der Blinde sitzt inmitten von Vogelschauern, in einem Vogelschauergewitter, und schaudert vor dem Schrecken der Worte, die auf ihn eindringen, jedes Wort aus einem Mund läßt ihn zurückzucken, als könnte er etwas erfahren, dessen Ursprung er nicht erkennen kann. Man muß alles aufschreiben, um sich verständigen zu können. Damit aber bleibt das Wort, es ist ja aufgeschrieben in all seinen Alltäglichkeiten und täglichen Bedürfnissen. Der Blinde kann belogen werden, der Taube nicht. Der Blinde kann aus jedem Flügelvolk den unbekannten Vogel heraushören, der ihm, barbarisch krächzend, etwas zuschreit, wem soll er das jetzt zuschreiben? Die zerfleischen einander ja, diese Vögel! Was kann man dagegen tun? Man sieht ja nichts. Sie fressen sich am blutigen Saft der Toten satt, wir hören sie schmatzen, und der Sonnenwagen fährt über sie hinweg, sie zerplatzen unter seinen Reifen, man hört ein Plop, dann fehlt eine ganze Stimme in der Schar. Wäre schwierig in einer Fuge. So wie ich einmal gesehen habe, wie ein Auto direkt vor mir einen Truthahn überfahren hat, dieses dumpfe, platzende Plop werde ich nie vergessen. Ich habe es mit eigenem Körper gehört, und schon hat der Natur wieder etwas gefehlt! Die Ordnung der Welt hätte sich geändert. Nichts ist unvergänglich, alles, was wird und vergeht, macht die Zeit, die macht das schon, nichts behält seinen Zustand. Diese Musik bleibt gleich, egal, wer sie interpretiert, sie kann, seit sie in der Welt ist, nicht mehr sterben. Die Ordnung einer Fuge bleibt, daher kann auch die Welt nicht sterben, denn Musik ist Zeit, und die bleibt mit der Welt verknüpft (das Thema einer Fuge bleibt, es taucht immer wieder auf, wenn es versucht zu verschwinden) oder zumindest in loser Verbindung, überall erreichbar, die süßeste Versuchung, seit es Handys gibt.
Der Taube muß mit den Augen hören. Der Taube kann nicht Mozart oder Haydn sein (die beide fest im Gelernten verwurzelt oder gefangen sind, auch wenn Mozart oft genug unter der Sperre durchtaucht), er kann keinen Rahmen für seine Musik basteln, die würde sofort hervorschießen und alles überschwemmen. Er ist der unbewegte Beweger, der alles in Gang setzt. Er ist der Erguß in die Welt, er schüttet sich aus etwas heraus, das er selbst ist, wie kann man das sagen, wenn man nicht einfach sagen möchte: Er hat wenige Vorbilder (ganz sicher aber Bach). Und die Nachfahren sind auch sehr viel später erst eingetroffen. Er hat keinen Rahmen, in den er was hineintun könnte. Seine Musik kann durch nichts eingedämmt werden, auch nicht durch einen Staudamm, der etwas zurückhält, das, im Fallen, ungeheure Wucht entwickelt und Dinge antreiben kann, die Licht werden können. Beethoven muß nichts aufstauen, nur damit es dann wilder und leidenschaftlicher fließt und über die Ufer tritt. Er ist das Uferlose selbst, er ist der Lichtstrahl, den er nicht kommen gehört hat, aber auch nicht gesehen. Als Wärme auf seinem Kopf hat er ihn schon gespürt. Er ist das Vorhandensein einer Kraft, die nicht geleitet werden kann. Doch er weiß, wohin mit ihr. Er ist kein Hofmusiker und kein Verschwender, der keine Ahnung hat, was er überhaupt besitzt, um es zu verschwenden (wie Schubert und der späte Schumann, dieses Verdämmern, das etwas meint, das es nicht benennen kann. Der späte Schubert, in seiner letzten Sonate, B-Dur, wie er in seinem Thema herumgeirrt ist!, und immer, wenn er sich rausmogeln, nein, rausmodulieren wollte, ist ein Fenster fürs Seitenthema aufgegangen, doch was Schubert dort draußen kurz gesehen hat, das bißchen Licht, hat ihn immer wieder in sein Thema zurückgeworfen, wo er oft wütend um sich geschlagen hat, ein schreiendes Kind, das sterben muß, und dabei ein unbeschreiblich rührendes Irren an den Tag legt, ans (eigene) Licht bringt, von dem ich nicht weiß, ob es Unvermögen in Sachen Kontrapunkt oder der auskomponierte Tod selbst ist, den man sich als ein Labyrinth ohne Strich und Faden vorstellen könnte, bis der nächste verzweifelte Zornausbruch einen zeichenlos (denn die Deutung bleibt da verwehrt), atemlos, entsetzt zurückläßt), aber er schmeißt es raus. Kaum angekommen, muß auch er selbst wieder gehen.
Alles muß raus, selbst wenn man nicht weiß, wie es zuvor reingekommen ist. Muß es sein? Es muß sein! Sowas hat man ja noch nie gehört, aber jetzt, da es schon mal da ist, muß man es hören, es geht nicht anders! Dieser Mann, der das geschaffen hat, kann von keinem Fürsten, keinem Bischof, keinem Hofmann unter Vertrag genommen werden, denn seine Verträge wären mit etwas unterzeichnet, das spurlos verschwindet, in einem umgekehrten Vorgang unsichtbarer Tinte, die man chemisch sichtbar machen kann. Es gibt aber kein Verfahren, das die Sichtbarkeit und die Hörbarkeit (in all der Unhörbarkeit, nein, Nichthörbarkeit, nein: Unerhörtheit eines Schöpfernarren) sichtbar machen könnte, denn man braucht kein Verfahren. Verfahren kann man sich selbst, denn wer kennt sich schon aus in sich? Ein Komponist, der sein eigenes Quartett, all seine letzten Werke nicht hören kann, muß es auch gar nicht hören, nicht weil dafür alle anderen es hören können, sondern weil es nicht geht, daß es nicht gehört wird. Und zwar ohne daß es sich einem aufdrängt. Und so hört er es auch, weil er es eben nicht hören kann. Er kann es aber auch nicht nicht hören. Es muß da sein, es muß eine innere Kraft sein, die jene fürstlichen Bediensteten (wie Wagner sie nennt) Mozart und Haydn (noch) nicht haben konnten. Sie mußten sich selbst sehen als bezahlte Diener (heute: genauso Diener Bezahlender, Millionen Zeigefinger wählen aus und können nicht irren, sie können sich als Gott fühlen, der etwas, alles schafft, während sie auswählen, ohne wirklich zu wissen, was die Schöpfung sonst noch alles hergeben würde, ließe man sie machen), die sich selbst zur Sonnigkeit, zur Heiterkeit so lange zwingen mußten, ihre Herren wollten es so. Das Leben als Dienstboten ist nicht lustig, es endet oft mit einem Tritt, bis sie endlich sonnig und heiter werden. Und gerade wenn es am schönsten war, mußten sie gehen. Mozart, das Sonnenkind, voll Schmerzen, aber auch voll Licht. Die Erde werde ihnen leicht, sagt man von den Toten. Ich sehe eine Krebspatientin mit einer riesigen Perücke, groß wie ihr ganzer Oberkörper, vielleicht um noch ein letztes Mal die eigene Schönheit, die bei der Frau bekanntlich besonders im Haar zu finden ist, hervorzurufen und gleichzeitig zu widerrufen, zu beschwören, daß sie einst auch jung und schön war und jetzt trotzdem sterben muß. Und sie sagt auf die Frage, was sie sich noch wünschen würde, daß sie sich wünscht, nicht vergessen zu werden. Hier ist sie bereits unvergessen im elektronischen Speichermedium, aber nicht lange. Da wollen auch noch andre unvergessen bleiben. Das Erbe ist schon aufgeteilt, wahrscheinlich gibt es gar keins.
Bei all diesen Meistern, auch und besonders bei diesem tauben Musiker, ist klar, daß sie nicht vergessen werden können. Sie können alles werden, auch nach ihrem Tod, man kann sie bearbeiten, schänden, noch mehr bearbeiten, variieren, wieder schänden, noch einmal variieren – egal, was man ihrer Musik antut, sie schimmern durch das schleißige Gewebe, das ihnen oft übergeworfen wird (dahinter nehmen die berühmten Interpreten Platz), immer hervor. Bei Beethoven, diesem Narrenschöpfer, nein, diesem Schöpfernarren, der einzige, der die Wahrheit sagt und es als einziger auch darf, sogar Machthabern und Rechthabern gegenüber, ist es klar, daß er nie zu einem Bediensteten gemacht werden kann, er ist sein eigener Diener, weil er sein eigener Herr ist. Niemand sonst kann ihm etwas anschaffen, oder? Vielleicht einer der beliebtesten Mythen über ihn, er hat ja immer Geldgeber gesucht, vielleicht sogar eine Anstellung. Was wird von Wagner zu Mozart gesagt? „Seine schönsten Werke sind zwischen dem Übermuthe des Augenblickes und der Angst der nächsten Stunde entworfen.“ Was es wiegt, das hat es dann, das hat nichts mehr übrig darüber hinaus, es ist die Differenz zwischen dem, was war, und dem, was nie sein wird, und dort steht Beethoven, der nicht hört, was er doch schon ist, indem er es schafft. Das ist so, vielleicht weil Mozart für viele Menschen etwas übrig hatte und seine ganze Gasse mit dem Don Giovanni-Honorar so lange zu Essen und Trinken eingeladen hat, bis alles aufgegessen und nichts mehr übrig war, ein glücklich verzweifelter Verschwender, der so viel hatte und das auch zeigen konnte, für andre. Beethoven jedoch ist das Darüber-Hinaus. Nach dem nächsten Augenblick fängt er gleich die nächste Stunde an, die er braucht, um sich auszubreiten. Er reserviert sich alles schon im voraus, weil er so weit geht, daß seine Gläubiger ihn nie mehr einholen könnten, die wahrhaft Gläubigen zu seiner Zeit aber auch nicht. Er geht sich selbst immer voraus, bis er sich gar nicht mehr sehen kann. Und das Thema der Großen Fuge kriegt gleich noch eins drauf, es schreit vor Schmerz und hält sich am nächsten fest, obwohl eins schon reichen würde, es wird doch sowieso alles gehackt werden, und so fliegen einem die Trümmer von Anfang an um die Ohren. Eine Fuge sagt alles und noch mehr über ihr Thema aus, das gut gewählt sein sollte, sonst bricht es bei der Verarbeitung auseinander, eine Doppelfuge sagt doppelt soviel über zwei Themen aus, von denen das zweite verzweifelt versucht, das erste zu beruhigen, wenigstens für eine Weile. Der Taube, der seine Musik (und auch jede andre) nicht hören kann, kann andrerseits doch alles hören und das doppelte davon auch und alles daneben sowieso, er kann sogar unbegrenzt hören, mit seinem inneren Gehör, das ihm keiner nehmen kann, und durch die Notenschrift, die er mit dem inneren Auge lesen kann, und er kann daher auch alles sagen, es gibt danach keine Endkontrolle, nur eine endlose Annäherung an sich selbst. Und so fällt der Übermut des Augenblicks, der, so kurz er auch sein mag, bei Beethoven immer schon Überschreitung ist – sein nicht mehr vorhandenes Gehör stellt ja für gar nichts mehr eine Grenze dar –, übergangslos in die nächste Stunde hinein und damit in die Ewigkeit, in der es überhaupt kein Fallen mehr gibt. Na sowas, keiner da, der dieses Fallen in seinen Händen hält oder auch nur halten wollte! Wer hätte das gedacht! So wurde es uns doch gemeldet! Ein Engelssturz! So wie Schöpfer (taub) und Hörer (nicht taub) in eins zusammenfallen und keine Ruhe mehr bekommen, denn da ist noch etwas Unerhörtes, das gehört werden könnte. Und der Schöpfer darf taub sein, der Hörer darf es nicht, auch wenn er meist gehörloser ist als der Schöpfer.
Beethovens Königtum ist unsichtbar (wie Kantorowicz über einen König sagt, Richard II., der die Schwarzwäsche durch Shakespeare durchlaufen hat und jetzt uns Menschenfressern vorgeworfen wird), wenn es sich innen, innerhalb seines Körpers befindet, der trotz allen Leidens umtost von diesen Stürmen doch aufrecht steht und dabei sein Inneres herausschleudert, damit er es sich selbst immer wieder anschauen und damit arbeiten kann. Bei Shakespeare ist der König noch Herr seiner Leiden, auch wenn er von sich sagen muß: „Ich habe keinen Namen“, denn er hat sein Königtum verloren. Beethoven braucht kein Königtum, er ist sowieso König, wie Goethe eben Dichterfürst war. Hat einer sein Land verloren (einer der britischen Könige wurde ja John Lackland genannt, Johann Ohneland, ein jüngerer Sohn, von dem nichts erwartet wurde und der eigentlich nichts bekommen sollte), hat er, ist er König, nichts mehr als den Schmerz, das Leiden, dessen Subjekt Beethoven aber immer ist, während Schubert seine wahnwitzigen Ausbrüche von Wut und Verzweiflung, die er in seinen Tönen sublimiert (hast du Töne! Nein, er hat sie schon alle, weil er nicht mehr alle hat, nicht mehr alle tönernen Tassen im Schrank), gerade noch in all die Klänge hineinstopfen konnte, die ihm vorgeschwebt sind, denn würden sie auch nur fünf Minuten länger anhalten, würde die Wut (nicht Kafkas Scham!) ihn verschlingen und ihn dennoch überleben. Da Schubert wirklich (ja, schauen Sie sich nur in Ruhe um!, Sie werden nichts finden, das ihm gehört!) ein rechter Ohneland ist, keinen Platz hat auf dieser Welt, obwohl er sich den, wie die meisten, immer ersehnt hat, bedeutet auch sein Beinahe-Verstummen als Leiermann, barfuß auf dem Eise, mit den Bordun-Unterquinten, die jeden einzelnen Ton begleiten und ihn ins Wasser hinunterziehen, aber gleichzeitig auch unterstützen, indem sie wenigstens zu zweit sind, als einziger Schutz vor der Eiseskälte, damit überhaupt noch irgendeine Art, ein Mindestmaß von Harmonie zustandekommen kann, umgeben von Stille, bedeutet dieser letzte Augenblick, kurz vor dem Verstummen, auch den Verzicht auf Land, das Land, das Land, so hoffnungsgrün, das nicht mehr in Sicht ist, den Verzicht auf alles, was überhaupt noch Leben verheißen könnte.
Während Mahler schon weiß, daß dieser Boden ihn und seinesgleichen, den Juden, den ewigen Wanderer, nicht tragen wird und seine Ländler und andre Volkstänze nur die Brüchigkeit des Bodens, auf dem er steht, zur Sprache bringen werden, ohne die Mörder, die gerade ihre Geräte inspizieren, bannen zu können (die schwache Wärme seiner Füße muß doch ausreichen, das Eis einmal zu schmelzen!), ist Beethoven immer ganz Herr seiner selbst. Aber nicht immer Herr seines Schaffens, das aus dem Ruder laufen kann und trotzdem das Schiff immer weiter vorantreibt, in eine Richtung, die er selbst noch nicht kennt. Und in diesem brüchigen, aber doch stabilen Ich, das, umkämpft von diversen Leiden, Umzügen, Enttäuschungen, Lieben, Geldeintreibereien etc., immer weiß, daß es ein Ich ist, selbst in der vollständigen Taubheit (und wenn er die Krone weggibt wie König Richard, dann ist er zweifellos immer noch König). Es ist sein heiliges Recht, daß er leugnen kann, soviel er will, sein Donner ist Herrschen über die Stille und nicht Einschüchterung. Dieses Herrschen, das ein falsches Wort ist, ich finde nur kein anderes, denn er kann sich ja nicht über sein körperliches Leiden, die Taubheit, hinwegsetzen – er kann sich woandershin setzen, das Ergebnis wäre dasselbe –, dieser Herrschaftsanspruch an sich selbst also bringt eine Musik von größter Selbstermächtigung, aber gleichzeitig höchster Bescheidenheit in seinen kleineren Werken hervor, die zu allem führen kann, auch zur absoluten Disharmonie. Einen hellsehenden Somnambulen nennt ihn Wagner, der ihn auch mit Shakespeare vergleicht, kein Geisterseher, sondern ein Hellseher! Es wird alles hell, was er sieht, auch wenn es dunkel bleibt. Er ist der Herr über einen universellen Lichtschalter, bis das Netz zusammenbricht. Bei ihm ist das ein bewußter, willentlicher Vorgang, also des musikgewordenen Willens, den er den Wachenden in die Ohren rammt, damit sie aus ihrem Wachkoma aufwachen. Richard Wagner meint, Beethoven sehe nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen. Er nimmt das Außen erst wahr – und kann es in Töne umsetzen –, wenn es sich aus seinem Inneren, aus dem Inneren des schwachen Menschenkörpers herausgekämpft hat (ein Kampf ist es wahrscheinlich oft gewesen, und das hört man auch, besonders in dieser Großen Fuge op. 133, die einmal der Teil eines andren Quartetts war, die, nachdem das Publikum und die Kritiker getobt, geschrien und mit faulen Gegenständen geworfen hatten, weil sie zu faul waren, um selbst was arbeiten zu gehen, dem Werk letztlich entnommen werden sollte). Sein letzter Satz, ganz allein zu Hause – als op. 133 in Gewahrsam genommen –, ist jetzt ein anderer, so wie Ich ein anderer ist, außer wenn das Ich es unverrückbar selbst ist, wie bei diesem Komponisten, sich als diese Fuge manifestiert, die streckenweise klingt, als wäre sie von Alban Berg (diese „Musik für Marokkaner“, wie der Kritiker schrieb) – niemand, und lange danach noch immer niemand, hätte sich das getraut. Diese Musik wäre heute noch gewagt, und diese Große Fuge hat wie gesagt ihre eigene Opuszahl bekommen, was ihr auch gebührt hat, als wäre sie selbst die Farce zur Tragödie gewesen, und nicht die Tragödie selbst, die jede Farce von sich stößt, abweist. Die Frage, ob ein solches Werk, das aus der Zukunft auf die Anwesenden geschleudert worden war, der Taubheit seines Schöpfers geschuldet war, also der Taubheit des Realkörpers, der ja immer noch in den Königskörper umsteigen und in und mit diesem arbeiten kann, wenn der andre Körper längst schon schweigt, weil ihm nichts mehr hereinkommt – ein Geschäft, das nicht mehr beliefert wird vom Großhandel, vom Großkönigshandel, der mit Orden und Ehrenzeichen um sich schmeißt –, eine solche Frage öffnet sich keiner Antwort, die müßte er schon geben, der landlose König, der sich seinen Boden erst schaffen muß, es gibt noch keinen für ihn; und sieh an, er ist selbst auch noch der Lieferant, er beliefert sich selbst, damit er uns beliefern kann, und sich selbst gleich mit.
„Wie schauderts mich bei deines Mundes Wort!“, sagt der blinde Seher Teiresias zu König Kreon. Auf der Schneide des Geschickes geht der Staatenlenker, und daß er beide Körper in sich vereinigt, als König und als schwacher Mensch, der er eben auch war, bei aller Größe, gibt ihm alle Macht und nimmt sie ihm gleichzeitig wieder, die Königsmacht rinnt in diesem Kriminalfall aus, und zwar vor einem Mädchen, Antigone, die ihre eigene Überschreitung gewagt hat, ohne eine Brücke zu sich selbst gefunden (oder gebaut) zu haben, denn die Frau ist nur Körper, nur der zählt, ihre Werke sind Erde, Sand, nichts als Hände voll Staub, die über Tote gestreut und bald vom Wind verblasen werden. Doch die Könige, jeweils in zwei Körpern anwesend, die Ton- und die Dichterfürsten, an denen werden wir die Königsmacht, erkennen, an ihrer Kunst. Und unbekannter Vögel böse Wut hört man barbarisch krächzen (oder sind das wir, die man hört? Aber wir werden zuallererst gehen. Nur die Könige mit ihren zwei Körpern leben weiter und können von dem einen in den andern wechseln, ohne einen davon je auszuziehen, da müßten sie schon aus ihren Körpern ausziehen. Die Opfer: zeichenlos, die Deutung bleibt verwehrt).
Richard Wagner schreibt über Beethoven, daß dessen Gehörleiden ihn bis in die tiefste Melancholie hinein gepeinigt habe (alle sagten das und sagen es noch immer, es gibt ja auch Belege dafür, nur wir Ärzte verstehen sie!), doch gebe es wenig Klagen darüber von ihm, nur der Verkehr mit seiner lebenden und fallweise sogar geliebten Umwelt fiel ihm oft schwer, andrerseits aber auch wieder leicht, denn, ähnlich Schubert, hatte er es durchaus lustig mit seinem Freundeskreis, er muß ein geradezu homerisches Gelächter gehabt haben. In gewisser Weise war er wohl auch froh über seine Isolation, denn so konnte er diese Umwelt, die er nicht mehr hören konnte und also beim Leben anschreiben lassen mußte (Bezahlung folgt später), wie er seine eigene (und jede fremde) Musik nicht mehr hören konnte, aber schreiben mußte, so konnte er die Umwelt also ausblenden und sich mit einer Musik erfüllen, die ihn selbst geblendet haben muß (es gibt nur wenige Stellen, von denen verbürgt ist, daß er sich, meist bezüglich Tempo und vorgeschriebener Lautstärke, vielleicht geirrt haben mag). Wagner spricht von der Unmöglichkeit eines blinden Malers („undenkbar!“). Aber als Paradigma für einen blinden Seher führt er eben Teiresias an, dem die äußere Welt verschlossen blieb, der aber mit seinem „inneren Auge“ den Grund aller Erscheinungen überdeutlich gewahr wird, im Wissen, daß sie einmal wahr werden. Und die Ereignisse werden vielleicht nur wahr, weil ein Blinder sie vorausgesehen hat. Beethoven wird zum Schöpfer von Tönen (und auch durchaus zu einem leidenschaftlichen innerlichen Hörer, wenn er den Proben seiner Werke beiwohnte, die er nicht hören konnte), weil er auf die Harmonien in seinem Inneren lauschen muß, er kann nicht anders, und „aus seiner Tiefe nur einzig noch zu jener Welt spricht, die ihm – nichts mehr zu sagen hat ...“. Die Welt scheint in ihm jedenfalls wie ein Wasserfall gesprochen zu haben. Wer Beethoven damals mit dem Blicke des Teiresias gesehen hätte, welches Wunder müßte sich dem erschlossen haben: eine unter Menschen wandelnde Welt – das „An-Sich der Welt als wandelnder Mensch“ –, die ihren Körper sucht, nicht umgekehrt, eine Welt sucht einen Körper und hat sich hier einen Ton-Körper zugelegt, einen Tönekörper aus eigenem Vorrat genommen, der ist zwar krank, versehrt, aber man kann ihn buchstäblich verschmerzen, wenn der König spricht und sein Werk hinausschleudert, das ihm aber dennoch in alle Ewigkeit gehört, gerade indem er es von sich schleudert, daß es auch uns noch zerschmettert. Daß es uns sprengt.
Dabei hätten wir unsere Körper vielleicht für etwas Besseres gebraucht, und viele gebrauchen ihn auch so, ohne vom „Traumgesicht“ (Wagner) der Musik, von dem oft nicht einmal Musiker eine Ahnung haben, andre Künstler aber genausowenig, je wirklich zu erfahren. Sieht man zwei Körper, nähert man sich oft dem falschen, denn wirklich ist nur einer von ihnen, und der ist nicht für uns vorgesehen, läßt einen aber davonkommen. Davonkommt jedoch der andre Körper, als wollte er dem davonrennen, der ihn verschmelzen lassen will mit dem anderen, so daß wiederum das Werk des natürlichen Körpers die Unvollkommenheit des anderen mit dessen Taubheit, mit den vielen andren Gebrechen und Schmerzen wiederum auslöscht. Dann erscheint dieses Traumgesicht und wird zum einzig realen. Die Beschauer der Vogeleingeweide sind sich ihrer Sache sicher, doch der blinde Seher kann ja nichts beschauen, er muß, was er aber ohnehin weiß, aus seinem „andren“ Körper nehmen, der mehr weiß, als er je wissen könnte, der Seher also, was sieht er? Er sieht etwas, könnte aber auch wiederum gar nichts sehen, er wählt aus dem, was er nicht sieht, aber umso eigensinniger behauptet: Die Opfer sind immer zeichenlos, denn die Bedeutung bleibt ihnen verwehrt, zumindest so lang, bis man ihnen Kriegerdenkmäler aufstellt. Opfer werden nicht mehr entgegengenommen, und wenn, dann nur zu unseren Bürozeiten, die Sie unserer Website entnehmen können.
Freudefreude! (Auch im Fidelio, überall Freude, sogar im Kerker, wenn man einen Tag nicht gefoltert worden ist!) Der Gedanke an eine Welt ohne Ende (aber auch ein Nichtsein ohne Ende – den Tod) ist schwer zu ertragen. Lieber erträgt man eine „quasi-unendliche Kontinuität“ (Kantorowicz). Die Unerschaffenheit der Welt als Gedanke kann man aushalten, und daher (ein Vorgang, der nicht Prämisse, sondern logische Folge ist) beginnt man so zu handeln, als wäre die Welt unendlich, daher können wir auch unseren Dreck in ihr abladen, das wird ihr schon nicht schaden, wir nehmen einfach an, die Welt sei unendlich, dann paßt es schon. Die hält das aus! Alles geht rein. Bei Beethoven springt in der Neunten Sinfonie in dem choralen Teil, der quasi angehängt ist, etwas an, dessen Kraftquelle man noch nicht kennt: Menschen stehen einfach auf und singen los, Freudefreude! (egal, ob der Schöpfer dieser Musik Freude kennengelernt hat, na ja, die kennt doch jeder!, oder sie nur beschwört, damit sie vielleicht auch zu ihm kommt), in diesem Teil also, der wie vom Himmel gefallen zu sein scheint, nachdem es lang schon gedonnert hat, der musikalisch aber banal ist im Vergleich zur unerhörten Überschreitung der letzten Quartette, tritt Beethoven aus der Musik buchstäblich heraus, wird geradezu populär – jeder kann das nachsingen! –, und tritt hinein in die Menschen, die er da beschwören möchte, in einer Sprache, die sie vielleicht doch noch verstehen, sonst muß er ihnen die auch noch beibringen. Er kämpft um Menschen, die sich Beiträge zu einem europäischen Song-Contest im Fernsehn anschauen wollen oder ein Sommerkonzert des beliebten Großorchesters, vielleicht vor einer Schloßkulisse, und diese Menschen, die ihre Ohren aufgesperrt haben und jetzt dafür auch etwas Schönes reinbekommen wollen, scheuen musikalisch Unerhörtes wie der Teufel das Weihwasser, vielleicht um sich selbst zu versichern, sie seien die Herren der Welt und könnten alles besser, und mehr brauchen sie nicht, weniger aber auch nicht, um unterhalten zu werden, andre zu unterhalten oder Unterhalt wenigstens zu zahlen, außer es wäre gratis. Sie bezahlen natürlich viel mehr, wenn sie ihre natürlichen Körper im Gleichtakt mit anderen rotieren, wippen, hüpfen oder mitsingen lassen. Wagner meint, daß es nicht die Verse der Dichter sind – Schiller hat etwas beigesteuert, für das niemand steuerpflichtig ist, aber auch nicht am Steuer stehen darf –, nein, Verse können das nicht, aber das Drama kann es, das sich vor unseren Augen abspielt, sich und andere bewegt, das Drama als sichtbares Gegenbild zur Musik, die leider wieder mal alles allein machen muß. Für unseren unersättlichen Vogel Gefühl, der immer den Schnabel aufreißt.

Wagner sieht in diesem Schlußchor der Neunten Sinfonie nicht eine musikalische Banalität, sondern er sieht gerade in dieser Form des Kollektivs, das aufsteht, um ein Lied zu singen, wie es jeder einzelne beim Autofahren oder Duschen tun mag, hier aber alle es tun, er sieht also etwas ganz anderes: Sie brechen buchstäblich in Gesang aus, weil sie es nicht mehr aushalten, etwas für sich zu behalten, diejenigen, denen längst Hören und Sehen vergangen ist, sie stehen für das in Tönen Menschverbindende, und (wieder nach Richard Wagner) diese Belebung der Musik am Ende eines großen Ton-Werks, wenn aus Lehm geschaffene Menschen aufstehen und endlich einmal „den Mund aufmachen“, für sich und andre (andre in ihrer Definition, eine andre lassen sie nicht gelten) einstehen also, belebter Ton, nicht mehr tönern, nicht klingende Schelle oder tönendes Erz (egal, wie viele Kriege es gibt), diese Musik wirft schließlich alle Konventionalität ab und wird, aufgrund der Schlichtheit dieser Chor-Melodie, zu etwas Neuem, zu einer neuen Kunstform, haben Sie schon gewählt aus der Playlist?, sie eröffnet eine ganze neue Welt aus Menschenkörpern, die einen Königskörper weder brauchen noch verehren wollen, und gerade in diesen Sängern und Sängerinnen (Freudefreude!), wie sie da alle stehen, weil sie eben: aufgestanden sind, gegen den Herrscher, zu dem sie sich allerdings selbst ermächtigt haben, noch mehr Freudefreude!, fallen der Königskörper und der Menschenkörper in eins zusammen. Das musikalisch Neue und Unerhörte wird nachgeliefert werden, wir haben Anspruch darauf, sogar auf das Allerneueste, sogar auf das, was noch kommen mag. Sicher nicht von uns, den sogenannten Nachgeborenen, von uns kommt das nicht, wir lassen es uns servieren, wir, die ihre eigene Nachgeburt nie ausgestoßen haben, wir tragen sie ein Leben lang mit uns herum und wissen nicht, wo wir sie ablegen sollen. Wer diese Lieferung nicht persönlich entgegennehmen kann, darf Zustellung beim Nachbarn ankreuzen. Man kann aber auch das Zweite Gesicht dafür bestimmen, das einem geblieben ist, aber auch das ist nicht das Gesicht eines Königs. Es ist Geistersehen, man könnte sagen, daß dieser innere Drang zur Mitteilung, während gleichzeitig eine ganze Klangwelt entsteht (wie man so sagt), sich herausbildet aus der Somnambuhlschaft des tauben Musikers mit seinem eigenen Königskörper, der, im Zustand äußerster Erregung, sich dann mit einem Klangkörper vereinigt und damit etwas Neues, Unerhörtes schafft, das jeder versteht und, wer hören kann, sogar zusätzlich noch hört, in „somnambuler Hellsichtigkeit“ (Wagner, der sich dabei vom Windrad Schopenhauer verblasen läßt), also im Hellsehen bei wachem Gehirn das Helle sieht, indem er, jeder, es in seinem Wahrtraum beschwört.
Wachen wir also auf, diese Freudenhymne können wir eh schon nachsingen, nachdem wir sie ein einziges Mal gehört haben, und sie geht auch aus unserem Kopf nicht mehr hinaus. Kein blinder Seher hat sie uns eingepflanzt, ein tauber Hörer hat sich hier, in einem gewaltigen Aufschwung, entäußert, vielleicht so wie man versucht, aus einem Albtraum (bei dem man aber weiß, daß man träumt) wieder herauszukommen, ihn abzustreifen, geführt von einer Melodie, die man zum Glück schon kennt, eine unbekannte würde das nicht schaffen, dem Unbekannten würden wir nie trauen. Zum Wachwerden, das keine große Sache ist, wir sind alle keine Genies, stoßen wir manchmal unwillkürlich einen kleinen Schrei aus oder einen Seufzer, auch aus Erleichterung, daß es vorbei ist, während andre auf ewig darin gefangen bleiben müssen, bis jemand zu ihrer Erlösung in ihre Finsternis vordringt (Leonore/Fidelio zu Florestan). Und Lieder singen müssen wir auch, Freude!, die die ganze Menschheit aufwecken könnten, würden wir dem endlich einmal zuhören, was wir selbst sagen. Wer Beethoven zu so etwas genötigt hat, ist unbekannt. Ich glaube, er war einer, der ständig aus dem Schlaf aufgewacht ist und nicht gemerkt hat, daß er immer noch schlief (oder vielleicht: ständig im Erwachen begriffen war, indem er die Dinge nicht begreifen, sondern sie, ohne sie oder uns anzufassen, gestalten muß, nicht kann: muß!, ohne sie zuvor in seinem Zwischenzustand genauer erblickt zu haben), denn die Menschheit kann nur ein Schlafender erlösen, der im Schlaf nicht hören kann. Ein Wacher würde sofort schreiend vor ihr davonlaufen, gerade weil er ein Teil von ihr ist, die sich nur zu genau kennt und sich mit Krallen immer wieder selbst, aber auch alle andren, zu denen er auch wieder gehört, zerfleischt. Wenn man aufwacht, setzt man die Zeit wieder in Kraft und dreht sofort die Musik auf, die ja die vergehende Zeit selbst IST.
dazu auch:
Ernst H. Kantorowicz: Die zwei Körper des Königs
Richard Wagner: Beethoven
Sophokles: Antigone
Veröffentlicht am 22.04.2026 auf elfriedejelinek.com