IN EINEM AUSGELOBTEN LAND
Wenn Sprechen und Denken unserem Leben eine Verfassung geben (sollten), dann wird, was die Palästinenser betrifft, das Denken leer, eine Verfassung wird es für sie nicht geben, wie auch einen eigenen Staat, der von vielen beschworen wird, doch so, als wüßte man nicht, daß es ihn auf dem derzeitigen Weg nie geben kann; man spricht also Luftblasen, wenn man die Voraussetzungen für einen solchen Staat nicht grundlegend ändert. Mit dieser unausgesprochenen Lüge jedoch verfällt auch das Denken, es zerschellt an den Umständen, am Land Grabbing (und damit, wie ich befürchte, einer ethnischen Säuberung, denn wo das Land fehlt, sind auch die Menschen sinnlos, wo sollten sie denn stehen und gehen?, sie sollen wohl nur: gehen!) der West Bank, Gazas und Jerusalems. Es wird überall von dieser Zwei-Staaten-Lösung geredet (es IST Gerede!), als wäre das eine Möglichkeit. Ist es denn die Möglichkeit? Nein. Gleichzeitig ist diese Möglichkeit schon verfallen, in der sich ein ausgesprochenes Miteinandersein artikuliert, das es nicht gibt, denn dem Miteinander gehen die Menschen aus, auf einer Seite, auf der andren drängen sie nach, schleppen ihre Plazenta mit sich, die meist in andren Ländern liegt, ich höre einen harten US-Akzent heraus, mit dem Land sind sie nicht verwurzelt wie die Palästinenser seit Generationen. Wo und was soll dieses Miteinander stattfinden? Und so reißen sie, die Siedler, ohne über ihre Geburtshauben, ihre Geburtlichkeitshauben (frei nach Hannah Arendt) zu stolpern, die ursprünglichen Bewohner des Landes von ihren Wegen und Besorgungen herunter. Es soll nur sie allein geben, die Kolonisatoren, wie man sie früher genannt hat und jetzt auch wieder nennt, also ist diese Möglichkeit des Miteinanders keine, denn jedes Schlupfloch, das sich zu einem Ausweg erweitern könnte, wird gnadenlos zugestopft, und neue Siedler drängen schon nach.
Ich sage das so blumig, weil ich nicht weiß, wie ich es sonst sagen könnte. Es ist eine Ungeheuerlichkeit, daß alle von etwas sprechen, das es nach derzeitigen Tatsachen, und diese Tatsachen sind ja auch geschaffen worden, durch Taten, mit denen man Sachen wegnimmt, einfach den ursprünglichen Besitzern stiehlt, daß wir also ständig von etwas sprechen, das es nicht geben kann, weil es einen palästinensischen Staat nicht geben darf, so haben es die israelischen Besatzer bestimmt. Und die Palästinenser auf ihrem Land können keine Sprache dafür finden, denn sie sind schon enteignet, bevor sie auch noch verprügelt oder erschossen werden können, weil sie wenigstens ihre kleinen Besitztümer (von Staat reden wir erst mal gar nicht) bewahren möchten. Die Objektsprache, in der man von konkreten Objekten, vom Land, von seiner Bebauung spricht, verfällt schon im Mund und wird von wolkigen Mythen auf dem Himmel einer biblischen Vergangenheit abgelöst.
Wie kann ich es einfacher fassen, obwohl ich es gar nicht fassen kann, denn meine Sprache verreckt mir unter den Fingern, wie woanders lebende Menschen verrecken, sie wird leer, denn von etwas, das es nicht gibt, kann man in der Terminologie von Geisterbeschwörungen reden, aber nicht konkret. Eine österreichische Außenministerin, ebenso wie die meisten westlichen Politiker, spricht ja von der Lösung des Palästinakonflikts, indem sie ein Palästina als einen Staat der Palästinenser begreift, eher: beschwört, ohne aber wirklich schwören zu müssen, nur kann es diesen Staat unter den gegenwärtigen Voraussetzungen eben nicht geben.
Solange die Übergriffe der israelischen Neu-Siedler nicht geahndet werden, wo kein Kläger, da kein Richter, gibt es gar keine Verhandlungen, die gegen die Mauern der neugeschaffenen Tatsachen anbranden und daran zerschellen müssen; wo so viele klagen, werden wir keinen Richter brauchen, wir definieren die landlos Gemachten als Verbrecher und Terroristen, auch wenn sie nur Bauern und Hirten sind, die ihr Land seit Generationen dort bestellen, und dann schmeißen wir sie runter von der Scholle, mit der haben wir Besseres vor, vielleicht so ein berühmtes Resort, das direkt aus Trumps und Kushners Gehirn kommt. Woanders wollen sie für sowas sogar unschuldige Flamingos ausrotten, aber Tiere müssen geschützt werden! Es schützt die Neu-Siedler das israelische Militär, es unterstützt den Landraub, und wohin der Weg geht, sehen alle, nur sagen sie es nicht immer. Einerseits ist es eine Tatsache, andrerseits darf es keine sein. Sobald aber Tatsachen geschaffen werden, die unumkehrbar sind —, und hier stocke ich schon wieder, denn jetzt könnte ich wirklich von Tatsachen sprechen, doch die ändern sich ständig, nur die Richtung ist vorgegeben, und wer die Richtung vorgeben kann, hat gewonnen. Wenn das also gesicherte Tatsachen sind, wieso kann ich das dann nicht sagen? Ist es meine Liebe zum Judenstaat, der auch etliche meiner Vorfahren aufgenommen hat? Der als ihre Rettung angesehen wurde, obwohl sie sich nicht mehr retten konnten oder durften?
Tragen wir in unserem Sündenstolz der Täterländer nicht auch Schuld weiter, sonst wäre es ja reines Schuldbewußtsein? Und wenn man nichts andres dazu zu sagen hat, sollte man besser schweigen. Andrerseits hat sich jetzt ein kleines Gelegenheitsfensterchen geöffnet, die Mitteilung (es wird etwas mit uns geteilt! Fein, endlich sind wir wieder wer! Und wir können zumindest unser Verständnis für fremdes Mitsein artikulieren), daß wir jetzt innerhalb der EU, als nichtständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats, etwas artikulieren können, vielleicht zum letzten Mal, etwas, das zumindest eine Gelegenheit bietet, das berühmte Mitdasein mit den Verfolgten zur Sprache zu bringen, denn sowas tut eine ordentliche Mitteilung eben, sie vollzieht die "Teilung" der Mitbefindlichkeit und des Verständnisses dafür, daß wir alle miteinander in dieser Welt sein dürfen, aber niemandem diese Rechte absprechen und dann nehmen dürfen. Das heißt aber auch, daß ohne einschneidende EU-Sanktionen für Landraub und Gewaltakte gegen die Besitzer dieses Landes kein Zustand der Gerechtigkeit in die Wege geleitet werden kann. Die Zeit für irgendwelche Bekenntnisse zu irgendwas, das es nicht gibt (und dessen Möglichkeit zu existieren nicht nur von der Sprache Lügen gestraft wird), aber geben müßte, sind vorbei. Jetzt muß es das geben, was recht ist. Da man das Land von dort, wo es sich befindet, ja nicht wegnehmen und woandershin transportieren kann, muß es dort, wo es ist, den Menschen, denen es gehört, zurückgegeben bzw. gelassen werden. Auch die Zeit der Gelassenheit ist vorbei. Oder wir bleiben in der Provinz, in der wir ja schon sind, denken an die berühmte Frage des faschistischen Philosophen an ein altes Bäuerchen, ob er den Ruf nach Berlin annehmen oder dem Ruf der Heimat Folge leisten sollte, und als das Bäuerlein schwieg und den Kopf schüttelte, wußte er, was sein Blut und sein Boden (dieser beiden war er sich ganz sicher, er war da gut versichert! Andre sinds nicht) von ihm verlangten und blieb einfach sitzen, wo er war.
Veröffentlicht am 28.08.2026 auf elfriedejelinek.com