Verlassen Sie diesen Ort! Nein, mitnehmen können Sie ihn nicht!
(zu Jenny Holzer)
Ich liege im Wiener MAK auf dem Rücken und schaue in die Sprache hinein, sozusagen von unten, und von oben schaut sie auf mich hinunter. Es ist meine eigene Sprache, die auf mich runterschaut, nachdem ich sie abgelegt habe. Sie ist zu groß für mich geworden, erwachsen aber nicht. Sie wächst noch, eine Künstlerin hat das bewerkstelligt (ich verwende dieses Wort, nicht im Sinne eines großen Werks, sondern um den Arbeitscharakter zu betonen, der sich hier in lichternen Worten manifestiert). Das Licht meiner eigenen Worte strahlt mich an. Diese Worte einer Frau (meine!) sind erzogen worden, in die Länge gezogen, sie bewohnen einen Ort, für den sie nicht gedacht waren, einen Ort, aus dem andere, auch Kunst darunter, geflohen sind, um mir Platz zu machen, man spürt andre Anwesenheiten, wenn man hier spricht oder gezeigt wird. Das Unheilige meiner Heimat, der Sprache, betritt eine neue Heimat, die aber keine ist, weil sie ursprünglich für die Aufnahme von Sprache nicht vorgesehen war. Ein Ort, eine Museumshalle, ist dafür freigegeben worden. Für einen andren Ort, der meine Sprache ist. Jenny Holzer, die Künstlerin, gibt sich selbst frei, mich fesselt sie dabei. Das bin doch nicht ich, das kann nicht von mir sein! Sie läßt mich neu erscheinen, wo vorher nicht nichts, sondern anderes war, dessen Geister verblichen sind wie Knochen.
In Holzers Installation "Lustmord", einem Epitaph zum Angedenken an all die ermordeten Frauen, deren Ermordung bei den Mördern Lust erzeugt hat oder die nur einfach in Kriegen "weggemacht" werden sollten, damit sie nicht mehr da sein, nicht mehr sprechen könnten, müssen die Frauen ihre Knochen, die gar nicht ihre sind (menschliche Knochen sind ein Teil der Installation), selbst zum Markte tragen; das ist aber immer schon ihre Aufgabe gewesen, zum Markt gehen und sich selbst zum Markt tragen, während meine Knochen, meine Sprache, mein Gerüst, das mich zusammenhält, als Licht leuchten dürfen. Das sind zwei Enden eines Kunststroms, den Jenny Holzer in ihrem Leben (und mit ihrem Leben, denn sie trägt alles, was sie ist, was sie ausmacht, genauso zum Markt wie die ermordeten Frauen) in sich hat entspringen (und aus sich herausspringen) hat lassen. Profane Räume verwandeln sich hier in sakrale, denn das sind sakrale Stätten, die man nur vorsichtig betreten darf, und ihr Anblick besetzt den Körper der ZuschauerInnen. War hier vorher vielleicht ein Gott, eine Göttin? Mußten die erst weggeräumt werden, damit Platz geschaffen wird für das Erscheinen einer Frau, die sich, — als Frau, für die das nicht vorgesehen ist —, etwas anmaßt: die Herrschaft über die Worte, die Sprache und damit auch die Herrschaft über das Andenken an Menschen (Kriegerdenkmäler, die schon da sind, aber verändert werden mußten, Denkmäler für Aids-Tote, Gedenkmäler, die noch gar nicht da waren, aber jetzt in die Regale, in die Seiten des Totenbuchs einsortiert, eingeräumt werden, damit sie nicht vergessen sind. Damit sie nicht vergessen werden können.
Eine Frau, eine Künstlerin, übernimmt die Herrschaft, um das Wesenlose der Toten herbeizuholen. Ich habe beim Anblick dieser Kunstwerke das unausweichliche Gefühl, daß da etwas vorher freigeräumt werden mußte, und zwar bevor die Werke da hingestellt wurden und jetzt dahingestellt bleiben. Es bleibt dahingestellt, ob das stimmt oder nicht. Diese Räume haben jedenfalls ein neues Kennzeichen, und kein polizeiliches, erhalten, indem ein Etwas eben: hergeräumt wurde, das man eigentlich wieder wegräumen können müßte, aber das geht nicht mehr. Diese Gedenk-Werke, ob immateriell als Sprache, ob materiell als Stein, als schwarze Blätter, Gräser oder Blumen, sogar als Lichtstrahl, der eigentlich ein eigener Gegenstand geworden ist, als Strahl, diese Werke also richten die Räume ein, auch für alles andre, das da noch kommen soll. Sie haben ihr eigenes Erscheinen gestattet, und zwar als Räume. Das Immaterielle (die Worte) wird seines Platzes verwiesen, die Künstlerin ist eine Art Platzanweiserin, die den Raum zuteilt, indem sie ihn füllt; und das Materielle löst sich in Sinn auf, es WIRD Sinn, die Sinnlosigkeit des Sterbens an Aids, im Krieg, im Morden, selbst von geliebten Menschenfrauen, wird Schall und Rauch, also Kunst, die, wenn man ihr die Steine, die Knochen, ihr Material entzieht, zum Gespenst ihrer selbst wird, zur immateriellen Ausformung von etwas, das einst gelebt hat. Kunst, die man nicht nur anschauen, sondern auch angreifen kann oder glaubt, angreifen zu können (und die sich damit im übertragenen Sinn: angreifbar macht, anfechtbar). Und trotzdem bleibt sie genau, was sie ist, sie wehrt Angriffe ab, auch wenn ein Kunstwerk eben einmal nicht: in Stein gemeisselt ist, wie wir es von dem glauben, was wir sagen und gegen das wir mit unsren schwachen Frauenkräften wie mit Daunenkissen einprügeln dürfen, es ändert sich nichts, es wird sich nie etwas ändern, denn Raum kann man nicht einfach wegschaffen, so wie man Menschen einfach abschaffen kann. Mit denen kann man es machen.
Heidegger sagt: "Wir müßten erkennen lernen, daß die Dinge selbst die Orte sind und nicht nur an einen Ort gehören". Der Raum verwandelt die Kunstwerke, die in ihn hineingestellt sind, in Orte, die man immer wieder aufsuchen kann, es sind Orte, die ihren Sinn nur durch diese Kunst erhalten, die sich in ihnen materialisiert, ob Lichtworte, Wortlichter oder Stein oder Pflanze oder Erde. Oder Knochen von Menschen, die, obwohl man nicht weiß, von welchen Menschen sie sind, in ihrer Behauptung, Knochen ermordeter Frauen sein zu können, sich dazu machen, aber immer nur als Ort, an den diese Kunst verwiesen worden ist, weil die Frau nicht einmal einen kleinen Raum für sich allein hat.
Jenny Holzer schafft Räume, aber nicht indem sie sich welche sucht, in die sie ihre Kunst im wahrsten Sinn des Wortes hineingestellen (als Gestell stellen) kann, sondern sie schafft einen Raum, der dann genauso das Kunstwerk ist. Das Kunstwerk ist seine Umgebung, und die Umgebung hat die Kunst hervorgebracht, als wäre sie die Schöpferin, die sich das alles ausgedacht hat. Und die Schöpferin rennt schreiend hinter ihrer Schöpfung her, bis zur Erschöpfung. Es ist durch ihre Arbeit ein Raum entstanden, in dem immer noch was andres drinsteckt, der Raum würde verschwinden bzw. zu normaler Umgebung werden, würde er nicht diese Kunst bedingen. Der Raum und das Kunstwerk sind untrennbar. Sie sind in einer Art dialektischer Wechselwirkung miteinander verbunden, denn was drinnen ist, wird sofort wieder zum Raum, der das Werk nicht bloß aufnimmt, sondern es in gewisser Weise wieder selber hervorbringt (nicht: zur Geltung bringt!). Die Leere ist kein Mangel, diese Wohnung für Kunst wurde mit Einrichtung geliefert, die Natur muß Leere ja immer auffüllen, weil sie die Leere scheut. Und ein Fehlen von etwas ist sie auch nicht, wenn etwas fehlt, so ist es das Werk des Raumes, der genau das will: Kunst, die sich in die Zwischenräume hineindrängt und gleichzeitig wieder Leere ist, denn sie muß dort sein, sie hat nicht die Wahl. Diese Kunst hat immer schon gewählt, was sie werden will.
So wie Gottes Wort Fleisch geworden ist und unter uns gewohnet hat (und in Gestalt einer Oblate von den Menschen zu sich genommen wird, nach einer heiligen Verwandlung), so ist das ist bei Jenny Holzer ja wörtlich so gemeint, daß auch das Fleisch Wort ist, daß sich diese Werke Raum schaffen und dann selbst zu einem Raum werden, des Gedenkens, der Anklage, sogar des Fehlens von etwas oder von Menschen. Das sind in meinen Augen Kunstwerke, die sich einem aufdrängen, weil man sie ohnedies nicht übersehen kann, aber gleichzeitig die Leere ringsherum mitdenken und dabei buchstäblich: mitschreiben und mitschaffen. Die Leere schafft hier an. Hier arbeitet die Leere. Diese Kunst ergreift vom Raum Besitz, und die Dinge, die sie erschafft, wohnen in ihm, und sie denken dabei vielleicht mit, daß sie diesen Raum auch verlassen könnten (nicht wir denken, sondern diese Kunstwerke können es selbst, das Denken), und selbst wenn sie den Raum verlassen könnten, wenn der Stein und das Wort in eins zusammenfielen — beide von gleicher Wertigkeit und Bedeutung —, wäre da immer noch ein andrer Raum, es gibt immer andre Räume für Jenny Holzer, ein gedachter Raum, der irgendwann vielleicht selbst wieder zu einem Werk wird, von sich selbst aus sich heraus geschaffen und bevölkert, wie Gott: ein Raum, der dann auch ihren Werken gehört, selbst wenn die einmal daraus auch wieder vertrieben würden. Sogar wenn wir wegschauen, verweilen die Dinge ja an ihren Plätzen, und sie sind nicht mehr da (nicht im Sinn von Nicht-Mehr-Da-Sein, sondern als Gegensatz zu Weniger-Da-Sein), die Dinge können nicht weniger vorhanden sein, als sie es ohnehin schon sind. Sie drängen sich ins Blickfeld. Weniger Drängen von etwas, das noch gar nicht existiert, geht nicht, denn diese Kunstwerke, die realen wie die gedachten, sind gleichzeitig unsere Grenzen, die uns aber nur zeigen, daß da gar nichts mehr zu überschreiten ist, weil sie ja immer schon überschritten wurden. Diese Kunst ist also grenzenlos, weil sie auch gedachte Räume sofort ausfüllen kann. In diesen gedachten Räumen ist um sie herum noch viel Platz, aller Platz der Welt, und doch ist dort, in diesem imaginären Raum, immer noch weniger Platz als in diesem für alle sichtbaren Raum, den diese Werke jetzt schon bewohnen, weil man sie genau dort, wo sie sind, dahingestellt und fixiert hat. Doch genau an dieser Interface zwischen realem und gedachtem Raum müssen sich all die Dinge befinden, die Jenny Holzer geschaffen, gleichzeitig aber auch die, die sie noch nicht geschaffen hat. Es wird sie einmal geben, weil es sie geben muß. Dieser unendlich große Raum muß schließlich bewohnt werden. Jeder Raum, auch der grenzenlose, muß gefüllt werden. Die Natur will es so. Leere mag sie gar nicht. Dieses Werk kann nie enden. Laß mich angelehnt, sagt man im Wienerischen, wenn einen jemand in Ruhe lassen soll. Diese Werke lassen einen nicht in Ruhe, das ist das einzige, was sie nicht können.
dazu auch Martin Heidegger: Die Kunst und der Raum
Leave this place. No, you can’t take it with you!
(To Jenny Holzer)
By Elfriede Jelinek
Translated by Gitta Honegger
I lie on my back in Vienna’s MAK Museum of Applied Arts and look into the language, from below, so to speak, and from above it looks down to me. It is my own language that looks down on me, after I was done with it. It got too big for me, but grown up it is not. It is still growing, a woman, an artist did this work. (I use this expression not in the sense of a great work, but to emphasize the character of labor that manifests itself here in LED shed words. The light of my own words shines on me. Those words of a woman (mine!) had been brought up, put in line, they occupy a space for which they were not planned, a space from where others (among them also art)) escaped, to make room for me, you do feel other presences, if you talk or are shown here. The unholy of my Heimat, my homeland, that is my language enters a new Heimat, which, however, it is not, because originally it was not intended for the admission of language. A place, a museum hall has been released for it. For a different site that is my language. Jenny Holzer, the artist, releases herself, capturing, captivating me in doing so. That is not me. It can’t be by me. She lets me shine in a new light where before there was not nothing, but something else, whose ghosts paled like bones.
In Holzer’s installation Lustmord, an epitaph for all murdered women, whose murder produced lust in the murderer or who were simply taken out, just so that they would no longer be around, no longer be able to talk, the women themselves have to put their bones, which are not even theirs, (human bones are part of the installation) on the market: but that has always been their job, to go to the market and carry themselves to the market, while my language, my framework which holds me together may shine as light. Those are two ends of a stream of art, which Jenny Holzer, in her life (and with her life, because she carries everything that she is, that makes her the way she is, to the market, just like the murdered women) has let well up in herself (and to well forth from herself). Profane spaces transform into sacred ones because these are sacred sites, which can be entered only with caution, and their sight occupies the body of spectators, male, female and them. Might there have been a god or a goddess here before? Did they have to be cleared away first to make room for the appearance of a woman, who arrogated something to herself–as a woman, for whom this was not planned: The control over words, the language and with it the control over the remembrance of people (war memorials, which are already there but must be changed, memorials for AIDS victims, monuments which were not even in place yet, but are now set in place, sorted on shelves, in the pages of the book of the deceased, so that they are not forgotten. So that they cannot be forgotten.
A woman, an artist assumes control to summon the essencelessness of the dead. Looking at them, I have the inescapable feeling, that something had to be cleared, that room had to be made, and that happened clearly before those works were put up there and now they must stay put. Though it can be put to question whether or not this will be the case. In any case, these spaces received a new license and not by the police, as something has already been, well: cleared up, so it should also be possible to clear it away again. But that is no longer possible. Those commemorative works, if incorporeal as language or material as stone, as black leaves, grasses or flowers, even as a column, a beam of light, which actually became a thing in itself, that is, a beam, those works then furnish the spaces, but for a coming to light. They allowed for their own coming to light and that is as places. The immaterial, that is, the words, were put in their place, The artist is a kind of usher, who assigns the space by filling it with places. And the material (dis)solves (itself) in sense, it BECOMES sense, the senselessness of dying from AIDS, in wars, in murders even of beloved human females, it becomes sound and smoke, that is art, which–if one takes away from it the rocks, the bones, its material–becomes its own ghost, the immaterial formation of what had lived once, art that you can not only look at, but also touch or think you can touch (and which leaves itself open to attack, invalid). Yet it still stays what it is, how it is, it fends off attacks, even though a work of art is not wrought in stone as we believe it to be for what we are saying, and which we are free to beat with our weak female powers like with down pillows, it doesn’t change anything, nothing will ever change, because space can’t just be taken out, the way that humans can have their lives be taken. With them it can be done.
Heidegger says “We would have to learn to recognize that things themselves are places and do not merely belong to a place.” The art and the space transform the works of art, which have been set up in there, in spaces which receive their meaning (and make sense) solely through this work of art, which materializes in it, whether lighted words, word-lights or stone, plant or earth. Or bones of humans, which, though it is unknown, from what humans they came, with their assertion that they could be the bones of murdered women, they turn themselves into those, but always only as the place to which this art has been relegated, because the woman doesn’t even have a small room of her own.
Jenny Holzer creates places, but not by looking for those, where she can place her art so that it could be enframed by them, but she creates a place, which is part of the, in the most literal sense, work of art. The art’s work is its surrounding and the surrounding brought forth the art, as if it were the creator who had come up with all of this. And the creator, no, the creatress as it were, runs screamingly after her creation until ready to drop. Through her work a place emerged, which still contains something else, the place would disappear, or rather become a normal surrounding, if it would not bring about this art. The place and the artwork are inseparable. They are joined together in a sort of dialectical interplay, as that which is in it becomes instantly a place again, that does not just take in the work, but in a certain way brings it out by itself again (it does not: show it off!) Emptiness is not a lack. This place for the art was delivered with the furnishings, nature always has to refill emptiness, because it shuns emptiness. And a lack of something it is not either. If something is missing, it is the doing, the work of the place, which is exactly what it wants: the art, which pushes itself into the spaces in-between and at the same time is emptiness again, because it must be there, it doesn’t have a choice. This art has always already chosen, what it wants to become.
Just as the Word became flesh and dwelt among us (and is consumed by humans in the shape of a wafer after a sacred transubstantiation), with her work Jenny Holzer means the same thing, that the word is also flesh, that these works make room for themselves and then become a place of remembrance, an accusation, even a lack of something or of people. In my eyes, these are artworks that impose themselves on you, because they can’t be overlooked anyway, but at the same time they co-meditate the emptiness and in the process they literally co-write, co-create. The emptiness is in charge here. The emptiness works here. This art takes possession of the space and the things it creates dwell in it, and they might think that they could also leave the place. We don’t do the thinking, the artworks do it on their own, the thinking, and even if they could, if the stone and the word would merge into one, both of equal value and importance – there still would be another space, there always are more spaces for Jenny Holzer, who, at some point might become a work herself, created out of herself, like God, a place that belongs to her works, even if they were expelled from it again. Even if we looked away, the things remain in their places and they are not there anymore (not in the sense of not being there anymore, but as opposed to less being there, there could not be more than they already were. Less is not possible, because these works of art are simultaneously our boundaries that show us that there is nothing to transcend, since they themselves are, at the same time, transcending themselves (not: representing). There is still much more space around there, all the space in the world, but still less than the space of the place where art dwells, because it remains to be seen. Let me just hang, they say in Viennese, for ‘leave me be’. Those works don’t leave you alone, that is the only thing they cannot do.
Veröffentlicht am 28.02.2026 auf elfriedejelinek.com
Published on February 28, 2026 on elfriedejelinek.com