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2025

Eine Auferstehung

Dieses Klavier ist für mich gestorben, es wollte nicht sterben, aber wer will das schon... Im Tod hat es vielleicht ein für mich Nicht-Mehr-da-Sein erreicht, das aber nicht gleich ist mit einem Nicht-Mehr-in-der-Welt-Sein (was mir einmal blühen wird, was heißt, daß ich dann eben nicht mehr blühen werde. "Singet nicht! Blühet nicht!" singt der fahrende Geselle bei Mahler. Und ich werde das alles dann auch nicht mehr machen, ich mache es lieber jetzt schon). Da kippt etwas um, legt einen Umschlag um das, was war, ohne es bewahren zu können, was ein ordentlicher Umschlag tun können sollte, wenn auch nicht vor jeder Witterung, jedenfalls nicht vor jener, die der Tod aufgenommen hat, um einer Fährte nachzujagen, und er muß sich beeilen, denn er hat noch andre Fährten zu verfolgen. Er folgt dann wieder anderen Spuren. Er hat ein dickes Adressbuch und einen kräftigen Speicher, er findet immer wen, keine Sorge! Irgendwann sind es dann alle. Auf die Neuen kann er dann keine Rücksicht mehr nehmen, die müssen halt dableiben. "Das Ende des Seienden qua Dasein ist der Anfang dieses Seienden qua bloßen Vorhandenen", singt Heidegger in seinem eigenen Chor. So. Ich hätte das nie so sagen können. Warum sagt er es dann nicht gleich? Da ist also etwas gestorben, aber nur für mich. Doch andre benutzen dieses Sportgerät inzwischen eifriger, als ich es mit meiner Stümperei früherer Zeiten getan habe. Oder hätte tun wollen.

Dieses Sterben eines Flügels bedeutet, daß er zwar faktisch da ist, aber nicht für mich. Ich kann nicht mehr spielen, er kann es aber schon noch, es ist seine Möglichkeit geblieben (meine nicht!), in ihm aufbewahrt, eifrig scharrend, wer das Paket endlich auswickeln wird. Dieser Flügel ist nicht so oder so gestimmt, wie Menschen es gern aufzeigen, indem sie unaufhörlich aufzeigen, bitte, ich kann was!, mit ihren großen Atemgesten, die sich selbst aufs Feld streuen, wie die Säer in den alten Heimatfilmen, ja, die Mäher auch, von mir aus, mit ihren Sensenbewegungen, die einem zeigen, man solle kommen oder sich lieber fernhalten. Sonst erwischt einen der Schwung voll, und wenn nicht der, dann der nächste. Dieser Flügel ist sozusagen behindert, ich habe ihm etwas genommen, ohne ihm etwas gegeben zu haben, denn er hat alle Merkmale eines Flügels und einen außerordentlich vollen und gleichzeitig weichen Klang, so daß man beinahe erschrocken zurückprallt, wenn man ihn hört, weil man ihm das nicht zugetraut hätte. Von außen hat man es gar nicht gesehen! Es ist, als wollte er mich um Gnade bitten und sich mit allen, die ihn einst gehört haben, mit seinen Hinterbliebenen, versöhnen, wenigstens nach dem Tod noch; diesen herrlichen Klang also kann er jederzeit erzeugen, aber es ist kein Klang, dessen Einzelteile, die Töne, noch einer gefestigten ordentlichen Stimmung (die aber bei der freischwebenden Temperatur — oder gleichschwebender Stimmung, in der Klaviere dressiert werden, damit andre an ihnen dressiert werden können —, ohnehin nie stimmt und auch nicht genau stimmen darf) zugeordnet werden könnten. Was wollte ich sagen, hören Sie: Also wenn ich einen Ton anschlage, einen schaffe ich grade noch, dann erklingt ein andrer, als wollte die Taste sagen: Ich bin eine andre! Nicht: Ich bin auch noch eine andre zusätzlich, Sie ahnen ja nicht, was alles in mir steckt!, sondern: Ich bin derzeit nur eine andre, nicht mehr, nicht weniger. Ich bin nicht mehr ich selbst. Aber als eine andre bin ich noch sehr da. Hören Sie, wenn Sie können: Das ist immer schon in mir gesteckt, ich kann mehr, als ich können müßte, aber jetzt, da ich befreit bin von dem Gehumpel und Gestolpere meiner Besitzerin, kann ich es auch herauslassen.

Manchmal klingt, bei den mehrchörig besaiteten Tönen, bei einem solchen Antippen der Taste gleich ein ganzes Intervall auf, ein Ton zeigt sozusagen doppelt auf, und man hört sogar eine kleine Sekund oder gar Terz. Er, der Flügel, liefert also mehr als das Bestellte, das, obwohl es mehr ist, doch gleichzeitig weniger geworden ist, denn den Bach, der zum Beispiel gespielt wird, hören Sie nicht als Bach, obwohl Sie einiges von ihm darin detektivisch aufspüren können, als rennte der Klang immer dem Bache nach, und weiter, mein liebes Bächlein!, na servus!, aber Bach ist uneinholbar, weil man am Klavier eben nur diese Tasten hat, die man oft nicht erwischt, da jede nur ein einziges Mal vorhanden ist und man diesmal eine andre gebraucht hätte als jene, auf die man falsch gezielt hat. Und was in sie eingespeist worden ist, das kotzen sie wieder aus, die Tasten. Sie können nicht anders. Sie geben alles her, was in ihnen steckt, bis sie mehr nicht mehr haben. Und trotzdem immer noch alles haben, sozusagen im Köcher. Dieser Flügel jedoch zeigt inzwischen, nur vom Zahn der Zeit benagt und der weiten Mannigfaltigkeit aller vertretbaren und ihm aufgepropften Weisen völlig ausgeliefert (aber das Reis, mühsam gepropft, also aufgezwungen, entspringt nicht, wie im Weihnachtslied, es springt woandershin, wo es dann aber nicht landen kann, denn ein andrer Ton ist ja auch längst nicht mehr er selber, sondern ein andrer geworden, aber als er selber, denn man kann diesen andren Ton, den man da hört, nicht aufsuchen, wer weiß, wo der wieder hingekommen ist! Oder hat man wieder daneben gegriffen? An seinem Platz ist er jedenfalls nicht, oder er ist es nicht selbst, an seinem vorgesehenen Platz ist er nicht zu Hause), ja, schauen Sie nur rauf, wo der Satz begonnen hat, ich bin noch beim ersten Satz, dieser Flügel also zeigt etwas, das er so nicht gelernt hat. Er hat immer brav geantwortet, wenn er angeschlagen wurde, aber jetzt erkennt keiner die Antwort auf diesem Niederschlag der Tasten, die natürlich wirklich niedergeschlagen sind, daß sie nicht sagen dürfen, was ihnen eingelernt worden ist.

 

Hier spricht die Zeit selbst. Sie macht sich bemerkbar und hörbar. Sie bildet sich ab in meinem Gesicht, auf meinem Körper, die beide noch da sind, inzwischen unbeachtet, wie es sich gehört und wie das Alter den Menschen ihre schwere Aufgabe einschreibt, weiterzumachen als derjenige, der man war, ohne sich selbst im Spiegel oder im Blick eines andren Menschen noch wiederzuerkennen. Man wird übersehen, weil man nicht mehr so aussieht wie einstmals, als man noch ein richtiger Mensch gewesen ist. Doch dieser junge Mensch von einst steckt ja immer noch im alten drin, auch wenn man ihn nicht mehr jemandem bestimmten, den man einmal gekannt hat, zuordnen kann, was ja auch eine Befreiung sein kann, selbst wenn man immer wieder auf sich und seine Schmerzen und Einschränkungen zurückgeworfen wird. Diese neue Freiheit wird man also kaum genießen können, weil alles, was in den alten Menschen eingeschrieben ist, verschwunden zu sein scheint, alles, was einmal war. Doch keiner achtet es, keiner erkennt es auch nur. Dieser Flügel hat seinen Bach, seinen Beethoven, seinen Mozart und wie sie alle heißen, zwar eingeschrieben (leider nicht gespeichert, aber so, wie ich gespielt habe, hätte er ohnedies nichts speichern wollen), er liefert mit sich eine Art körperloses Körperding, man könnte ihn sezieren, man könnte ihn zerlegen, ob da noch eine Erinnerung ist, die er umschließt, vielleicht um sie nicht hergeben zu müssen, aber alles, was er jetzt erklingen läßt, diesmal, neuerdings unter den Händen von Meisterinnen und Meistern, wie ich keine je geworden wäre, ist die kraftvolle Verschleuderung von Zeit, eine Selbstvergeudung, die der Flügel in sich eingerext und fest verschlossen gehalten hat. Da er so lang nichts gesagt hat, sagt er jetzt alles auf einmal. "Selbst die vorhandene Leiche ist, theoretisch gesehen, noch möglicher Gegenstand der pathologischen Anatomie, deren Verstehenstendenz an der Idee von Leben orientiert bleibt" (Heidegger), das heißt, auch an dem, was das Leben in einem Körper, und wäre er aus Holz, angerichtet hat. Und das noch Vorhandene, das, was noch da ist, mir von mir selbst entrissen und der Vernachlässigung preisgegeben, aber immer noch da bei mir, dieser Untote, der seiner Aufgabe der Töneerzeugung so lang nicht mehr nachkommen durfte, es aber gekonnt hätte, lebt immer noch hier. Und der Verlust dieses lieben Untoten, wird jetzt zu meinem Gewinn, den ich nicht verdient habe, denn andere, die auf ihm spielen können, besser, als ich es je gekonnt hätte, "entlocken" ihm Musik, die er immer schon freiwillig hergegeben hätte. Der Tote hätte mich Lebende geehrt. In diesem Fall also wird die Sektion am offenen Klangkörper den Ideen von Klängen großzügig zuteil, die der Flügel unter mir niemals hervorgebracht hätte, die aber eine ewige Ähnlichkeit, eine endlose Annäherung, ohne je zusammenzukommen (wie im Paradoxon von Achill mit der Schildkröte), mit sich bringt und damit das alte, verstimmte Klavier wieder zum Leben erweckt, womit es selbst beweist (da es kein andrer tut), daß es mehr ist als einfach nur ein Ding. Mit diesem Ding, das keins ist, begegnet den Aktiven wie der Hinterbliebenen (mir!) der in diesem Ding personifizierte Verlust als Tod. Ich taste mich an diesen Flügel nicht heran, weil ich dann sterbe. Er spielt mir mein Sterben vor.

Indem dieses Instrument jetzt also immer wieder dem Vergessen entrissen wird und einer Fürsorge zuteil wird, die es früher, bei meinem oft widerwilligen Üben, nie erhalten hat, wird den Hinterbliebenen das, was in ihm "steckt", nicht in der unsicheren Krypten-Währung der Trauer um einen teuren Verstorbenen ausgezahlt, sondern es ersteht auf, keiner bereitet ihn vor, den Flügel, er steht also, ganz unvorbereitet, wieder auf und putzt sich ab, nicht als einer, der halt gestürzt ist und lachend wieder aufsteht, und alle sind erleichtert, daß er nur ohnmächtig war, aber nein, was hier passiert, ist eine echte Auferstehung von den Toten.

Da spielt also einer und sagt, dieser Flügel sei gar nicht tot, er schlafe nur. Alle lachen mich aus. Sagen Sie, dieser Flügel war nicht wirklich tot, oder? Echt jetzt? Ich war mir so sicher, daß er total tot ist, und jetzt lebt er wieder, unglaublich! Wie das Mädchen in der Bibel, im Evangelium nach Lukas, das den Tod noch in sich trägt, aber auferweckt wurde, so ist dieser Flügel jetzt in einem unaufhörlichen Wartezustand, bis er sich, unter fachkundigen Händen, aufraffen kann zu etwas, das er noch nicht gekannt hat, ja, was für eine Erleichterung, wieder zu leben!, wie Gott, der sowieso als er selbst, aber auch wie dieses Mädchen aus der Bibel, frei erfunden, frei improvisiert der ganze Kanon, wieder erstanden ist, weil die neuen Spieler an diesem Roulettetisch der Musik ihren ganzen Einsatz hingeworfen und gewonnen haben. Und jeder von ihnen gewinnt, auch das Gerät, das ja immer da war, aber die ganze leere Zeit sozusagen tonlos, um sich selbst trauernd oder auch nicht. Dieser Flügel hat die Welt verlassen, und gleichzeitig ist er mit uns miteinander. "Der Verstorbene hat unsere "Welt" verlassen und zurückgelassen. Aus ihr her können die Bleibenden noch mit ihm sein", spricht Heidegger. Ich, keine bleibende Hinterbliebene, kann da nicht mehr mitreden, denn jetzt erwecken ihn andere, jetzt darf er bleiben, während ich schon woandershin bin.

Zitate aus: "Sein und Zeit"


Veröffentlicht am 30.11.2025 auf elfriedejelinek.com