ENGLAND. EIN ZUSATZ. (Auszug)

Und ich hab doch immer nur was auszusetzen!

(singen – jeder kennt es in GB – "Abide with me")

Bitte bleib bei uns, liebe Insel, denn es will Abend werden! Ach, bleib bei uns, Herr Jesu Christ, ja, du auch, weil es nun Abend worden ist; dein göttlich Wort, das helle Licht, laß ja bei uns auslöschen nicht. Ihr!

(Man kann auch den Bach-Choral einspielen. Und selber singen macht auch fett.)

Bleibt bei uns, denn es gibt gleich Abendessen, nein, nicht ihr! Ihr gehört zwar schon zu uns, doch die Suppenküche für euch ist dort drüben. Und ja, auch ihr seid gemeint. Na, wer denn? O Gott, jetzt wollen die Schotten auch noch dicht machen! Bleibt bitte bei uns und bleibt alle zusammen! Es sollen alle bleiben, wo und wie sie sind. Die einen hier, die andren dort. Die Schotten also dicht, und Europa macht auch zu, hackevoll, wie es schon ist, ihr aber, aber ihr sollt bleiben! Ihr, nicht weggehn! Herr, bleib bei uns, wie hast du das gemacht, daß der blöde Abend nicht und nicht kommt. Wenn du gingst, käme er vielleicht schneller, und wir könnten Spaß haben. Oder vielleicht ist er ja schon da, der Abend, und wir haben es bloß nicht gemerkt? Der Fernseher läuft jedenfalls schon, aber er kommt nicht raus, unsre Tür ist versperrt. Gegen Einbruch und daher auch gegen Ausbruchsversuche. Willst du es dir noch überlegen, ob du bleibst? Ja, auch ihr seid gemeint, auch ihr, niemandes Herren, Väter unser aller Knechte, ja, ihr seid gemeint, bleibt bei uns! Ja, ihr alle! Bleibt doch hier in der Gemeinschaft! Bitte belohnt uns mit euch! Geht nicht weg! Wir brauchen euch alle. Europa braucht euch. England braucht euch nicht, wen braucht es schon? Andere, die wieder England nicht brauchen. Täglich werden wir von euren Plänen beansprucht, die darin bestehen: fortzugehen. Wir haben andre Sorgen, aber ihr beschäftigt uns ständig. Ihr hättet alle Voraussetzungen, um zu bleiben, warum wollt ihr dann nicht? Eure wesentlichen Versuche, von uns fortzukommen, würden wir gern verhindern. Eure glänzend polierte Fassade bewundern wir doch schon so lang, von Anfang an. Das Dahinter kennen wir aber auch. Jeder war schon bei euch und hat hinter eure Fassaden geblickt, außer mir. Ich versuche es, doch ich komm nicht fort, obwohl mein persönliches Fortkommen gesichert ist: Ihr Weltbesitzer, ja, ich gehör nur mir, aber ihr habt den weiteren Horizont, ihr seid immer schon weiter gewesen. Macht uns glücklich, zum Beispiel mit Musik! Wir brauchen euch, um über den leeren Tellerrand schauen zu können. Weiter gehts nicht. Wir waren auch mal wer, doch das war einmal, ohne euch glänzt hier nichts mehr. Heute fügen wir uns eher in die Deutschen ein, was bleibt uns übrig, als fügsam zu sein, ihr aber sollt selber bleiben. Bitte nicht Deutschland! Dort habt ihr einen Teil eurer Autos hingeschickt, die davor ihr zusammengeschraubt habt, zumindest das Schönste davon gehört euch nicht mehr, doch auch hier teilen sich die Ansichten, was Schönheit betrifft, aber ihr bitte, ihr bleibt da! Schickt das Schöne weg, aber bleibt! Erspart uns, daß wir bei den Deutschen betteln müssen! Dort wollen wir nicht hin. Wenn ihr nicht bleiben wollt, nehmt wenigstens uns mit! Je haltbarer die Fessel, desto schöner ist es doch, sich an die Gemeinschaft Europas zu binden. Was schon ist, ist genau das, was wir immer schon wollten. Bitte bleibt! Wir brauchen den Wind, den ihr macht, wir brauchen ihn für unser Fortfahren, nein, wir wollen in die andre Richtung, eine See haben wir leider nicht zu bieten, kommt trotzdem mit uns! Wir sind so viele, ich weiß nicht, warum wir nicht zählen ohne euch. Ihr wachst uns über den Kopf, bevor ihr noch eingepflanzt seid. Zählt doch ihr zu uns, dann fliegt uns das alles zu. Widersteht Verlockungen und bleibt! Es ist ein Irrtum, wenn ihr euch von anderen gelockt fühlt. Ihr gehört zu uns. Wir gehören zu euch. Ist so. Wenn ihr nicht zu uns gehören wollt, gehören wir eben zu euch. Wir nehmen uns das Wort aus dem Mund, ja, die Hand auch, wir haben gesehen, dort ist kein Platz mehr. Ihr sollt uns nicht dieser Bestrafung würdigen, daß ihr geht. Ihr sollt bleiben! Auch wenn nichts mehr ist, was es ist, und schon gar nicht, was es war. Ein Anschluß für diese Nummer sollte bitte noch möglich sein. Alle anderen Anschlüsse waren entsetzlich, wir haben sie schon ausprobiert, sie waren alle wie ahnungslos in ein fremdes Zimmer treten, und das Zimmer tritt dann zurück.

Auszug aus "England, ein Zusatz",

12.6.2016

 

Translated by Gitta Honegger

Okay then. An addition:

UK, not OK

–– that’s all I ever do: find something that isn’t OK!

(singing – everyone knows it in the UK. “Abide with me”)

[Beginning: Paragraph 1-4]

Abide with us, dear Isle, for fast falls eventide! Oh stay with us, Lord Jesus Christ, yes, you too, for darkness deepens; your divine word, the shining light, don’t let it die down here. You! (It is also possible to record the Bach choral. Nothing wrong with singing it yourself either.) Stay with us, dinner’s ready, no, not you! You do belong here, yes, okay, but the soup kitchen for you is over there. And yes, we mean you too. Well, who else? So now the Flying Scotsman––no, not the Dutchman, that one got away scot-free to Germany–– wanted to stand his ground and split as well, the little engine that could (or so it thought) just fly up and away, tight as it is. But he stayed on the ground. Please stay with us. All should stay where and how they are, those here, the others there. So the Scotts stay tightfisted, the EU also tightens up, hammered all together, as it already is, but you, you must stay! You, don’t leave! Lord, stay with us, what did you do that that stupid evening just won’t come. If you left, it might come faster and we could have our fun. Or maybe it’s here already, evening, we just didn’t notice? At least the telly’s running already, but it couldn’t get out, our door is locked. Against break-ins, but -outs as well. Would you like to think it over, to stay or not to stay? Yes, you too, noone’s lords, fathers of all of us serfs, yes, you, we’re talking of you, stay with us! Yes, all of you! Stay here in the Community! Please, reward us with you! Don’t go! We need you all. Europe needs you. England doesn’t need you, is there anyone she needs? Others, who don’t need her? Day in day out we are obsessing about your plans, which are all about leaving. We do have other worries, but you keep us busy all the time. You’d have all the requirements to stay, why then don’t you want to? We’d like to prevent your serious attempts to separate from us. For the longest time we’ve admired your glittering polished façade, from the very beginning. But we also know what’s behind. Everybody has visited you and looked behind your facades, except myself. I keep trying, but you know the outcome, despite my noble income. You world owners, yes, you, as for me, I belong only to myself, you always had the broader horizon, from the West End to Broadway (From Liverpool to the Hollywood Bowl). Make us happy, with music for starters! We need you so that we can look over the rim of our empty teacup. That’s as far as it goes. We also were somebody once, but that was long ago, without you nothing glitters here anymore. Today we tend to play up to the Germans, what else can we do but play their game. Since you always stay ahead of the game. But you should stay here. Not Germany, please! You sent some of your cars there, which you used to screw together yourselves, at least the most beautiful model no longer belongs to you, but in this regard views are split too––about beauty, that is, but you yourselves, please stay here. Ship off what’s beautiful, but stay! Spare us from having to go beg the Germans! We don’t want to go there. If you don’t want to stay, then at least take us with you! The stronger the rope the more thrilling the bondage to the European community. As is, is exactly what we always wanted. Please stay! We need the storms you create to get us going, no, we want the other direction , sadly we can’t offer you a sea, still, do come with us! [2]I’d like to do that too just once, just sailing away. But here I am. While you were crossing the oceans, we took the trolley to Bratislava. That’s not by me, It’s from another’s quill I’m drawing something here for you that will not dry. We are so many, I don’t know why we don’t count without you. You are outgrowing us before you’ve even been planted. Consider yourself a part of us, then everything will come our way. Resist temptations, stay! It’s wrong to let yourself feel attracted to others. You belong to us. We belong to you. That’s that. If you don’t want to belong to us, we’ll just belong to you. We take the word right out of our mouth, yes, and the foot too, we saw that there’s no more room there. You mustn’t honor us with your punishment of leaving. You must stay! Even though nothing is what it is any more, let alone what it was. There still should be a party answering this number, we tried all others, they were all horrible, it was like stepping into an unknown room and the room steps on you.

Translated by Gitta Honegger

7.6.2015



England. Ein Zusatz (Auszug) © 2016 Elfriede Jelinek

 

zur Startseite von www.elfriedejelinek.com