Die Schutzbefohlenen. Coda

Da zittert was, das Boot, es zittert, das ist doch Zittern, oder?, nein, dafür gibt es noch ein andres Wort, nein, das paßt mir auch nicht, es wackelt, das Boot, es schwankt, wahrscheinlich weil Hermes und Athene nicht als Pinne im Kompaß eingebaut sind, zwischen ihnen zittert was, das Boot zittert vor Angst, nein, es schaukelt, weil diese Leute nicht ruhig sitzen können; kein Mann hält die Segel, Segel hat es keine, die wären aber praktisch, es hat noch Luft, das Boot, es wird sie auch brauchen, da ist noch Luft drinnen, aber nicht mehr lang. Da ist noch Luft nach oben, aber nicht mehr lang. Dann gehts nach unten, dann nehmen wir ein Bad. Der Körper wird zum Gedanken wird zum Körper, und der Gedanke verhält sich zu seinem Wirt wie die Schneide zum Messer. Gehts hier in den marmornen Wald mit steinernen Bäumen, wenn ja, dann wären wir gern hier, nein, hier gehts nach Griechenland zu den Göttern, womöglich kommen Sie nie hin, Sie und die Kameraden, bitte, das Boot ist wie ein, jetzt fällt es mir nicht ein, wie ein dicht bestecktes Nadelkissen in der Weiberwelt, voll will ich nicht sagen, ja, aber voll ist es trotzdem. Kein Nadelwald in der Nähe, den hat das Boot gemieden, das Wasser satter als Glas, aber unzerbrechlich, es teilt sich, es wächst zusammen, was zusammengehört, alles eins, Wasser eben. Nur die Menschen gehen kaputt, die hineinfallen. Zerbrechen können sie nicht, das Wasser nimmt sie auf, es nimmt die Menschen in den Schnabel, nein, Schnabel kann man nicht sagen, so wie man zittern nicht sagen kann, bitte, kann mir jemand neue Wörter hereinreichen, vielen Dank, Wörter marschieren, auch hier sind welche aufgeschrieben, die Küche ist eröffnet, nur zu essen gibt es nichts, nein, zu trinken auch nicht, ist Ihnen das denn nicht genug Wasser hier, wollen Sie etwa noch mehr?, aber das ist so salzig, es ist eindeutig versalzen, kann ich das zurückschicken?, ja, das geht zurück, bloß kommt es dann nicht mehr, und in verbesserter Form schon gar nicht, so haben wir das auch wieder nicht gemeint. Trinken Sie es ruhig, oder trinken Sie es laut, schreien können Sie nicht, während Sie trinken, das ist klar. Lichtfluten aus Silber über den Wellen, das muß man gesehen haben. Ich habe es schon lange nicht mehr gesehen. Die Klage kommt dann aus dem Dunkel, die Hölle wirft Schatten, denn dort ist es hell vom Feuer, die Flammen streben seewärts, die Menschen sammeln sich in den Klauen des Meeres. Kupferglüh, Wellengeblink, Drift unter Schiffsbäuchen? Aber dieses Schiff hat keinen Bauch, wir sind sein Bauch, ohne uns wäre es ein Gummilappen, und wenn es einen Bauch hätte, dann würden ein paar Hundert dort drin gleich, die würden dort sofort ersaufen, na danke, dieser Bauch hat hoffentlich schon gegessen, danke, er hat schon, er behält die Nahrung bei sich, schauen Sie, in diesem Schiff ist Luft, ich würde sage, es besteht aus Luft, es ist ein Luftboot, aber nicht in den Wolken. Luft ist leichter als Wasser, bloß schwimmen kann sie nicht allein, dafür braucht sie eine Hülle, die Luft, eine Hülse, die bei Bedarf dann ausgeworfen wird. Jedes Boot muß nach Benutzung vernichtet werden, ich finde das übertrieben, das ist, als würde man Schrauben mit dem Hammer hineinschlagen, ins Wasser, wo sie ohnedies nicht halten. Die Luft im Boot, sie ist manchmal umgeben von Menschen, die sie geatmet haben, oder von Gummi, wenn es ein Schlauchboot ist, das aus Luft besteht, mit einer dünnen Schicht, der sogenannten Oberschicht, damit die Luft nicht entweicht, damit sie nicht rauskann, bitte, Sie können das schon, Sie können raus, wer hindert Sie? Was danach passiert, beweist Sinn für feine Unterschiede, die einen können schwimmen, die andern nicht. Schicksal. Aber Können gehört schon auch dazu. Raus mit Ihnen, das ist doch nur Wasser, vor dem werden Sie sich doch wohl nicht fürchten, der größte Teil der Erdoberfläche besteht daraus, und ohne Wasser würden Sie sterben, im Wasser allerdings auch, aber da haben Sie noch eine Chance! Ich bitte Sie, Sie werden doch nicht vorm Wasser Angst haben? Das wäre eine verächtliche Gabe, die Ihnen da überreicht wurde, die Angst ist verächtlich, die schaut auf Sie herab und lacht sich einen Ast. An dem können Sie sich dann festhalten.

Boot

Es ist jetzt Nacht, nein, Moment, nicht voreilig sein: jetzt noch nicht. Die Drift zieht unter dem Bootsbauch durch und davon. Dieses Boot spielt dem Sturm in die Hände, auch wenn er die Hände nicht ausstreckt, wird es ihnen hineingelegt, die Hände des Sturms sind die Heimat des Schiffs, das sich hineindreht, das sich traut, weiter, ins Aschgraue hinein, in dichte Schwärze hinein, falls es Nacht ist oder falls es tief genug ist, keine Eislast auf dem Rumpf, dies hier ist ein südliches Meer, bitte beachten Sie die Zone dieses Wassers, bitte beachten Sie auch seine Eigentümer!, und doch, zu den Häuptern nichts als die dichte Schwärze, die wir später noch für anderes verwenden können, also das Wort dicht und das Wort schwarz. Die Nacht ist sperrangelweit offen, ja, gern auch für dieses Boot, darauf kommts der Nacht nicht an, nein, wir fahren bei Tag, keine Nacht, keine Schwärze, die befindet sich tagsüber unter dem Wasser, in der Nacht sowieso, und wenn Sie da unbedingt hineinwollen, dann sehen Sie sie, die Schwärze, das Undurchdringliche, das außen irgendwie blau aussieht, ist das überhaupt blau, oder ist das AdBlue?, das können Sie googeln, wenn Sie keinen modernen Diesel mitsamt seinen Erstickoxiden fahren, müssen aber nicht. Dort drüben ersticken wiederum Menschen, weil sie nichts mehr zu atmen bekommen haben, ich kann es nicht genau sehen, ich sitze auf einem Stuhl und schaue auf das Foto von einem Geflügeltransporter, und auf Youtube gibts eine Menge mehr, mehrere Mengen, die würde sogar dieses Boot noch tragen, mich nicht, ich kann nicht schwimmen.

Das haut mich nicht um, das Wasser, ich sitze auf dem Trockenen, dort gehöre ich hin, da macht es nichts, wenn mich was umhaut, doch das Meer, das Wasser haut immer nur ein Boot um, auf dem ich mich nicht befinde, ich setz mich doch nicht in ein Boot, wenn ich nicht schwimmen kann!, und das Boot kann jetzt auch nicht mehr schwimmen, ich würde es ohnehin nicht einmal finden, wenn es Getreidekörner ausstreute auf seinem Weg. Ja, sperrangelweit unter ihm, unter dem Boot, ist das Meer geöffnet, bitte, treten Sie ein, falls Sie eine Eintrittskarte gekauft haben, bezahlt haben Sie für alles inklusive; ja, wir haben geöffnet, aber auf der Karte steht was Falsches, die gilt hier nicht, dort steht einmal Passage von Land zu Land, aber nicht welches, und auf dem Land sind wir nicht, auch nicht in der Stadt, nicht in einer Stadt unserer Wahl, nicht in einer Stadt, der man uns zugeteilt hat, noch werden wir aber durchgewinkt, keiner fängt uns, kein Licht dient als Lasso; ich sacke dann ab, mit dem Morgen sacke ich ab, nicht weit vom Ufer, schon sacke ich ab, sagt das Meer und spuckt seinen Kaugummi aus, das seinen Atem nicht verbessern konnte, manchmal muß ich auch was essen, sagt das Meer. Ich kann machen, was ich will. Das schwarzäugige Biest Meer kann einfach machen, was es will. Nicht nur in den Augen ist Dunkel, das Dunkel schaffen wir immer, damit wir drauf reiten, auf dem Floß, auf dem Fluß, auf jedem Wasser. Das Fleisch ist ausgeschlagen in Licht, es hat den Glutball verschlungen, und was sehen wir jetzt, was sollen wir jetzt sehen? Sollen wir da etwa Schienen sehen?

Dunkle Schultern, die den Blitzstrahl entfacht haben, dieser Mann in der Badehose, er zeigt erst mal, aber viel Ruhe nimmt er sich nicht dafür, wie der Motor funktioniert, nein, mitfahren will er nicht, wozu auch, sein Geld hat er ja schon, der junge Mann in der Badehose, gute Figur, der schwimmt sicher oft, das ist gut für die Linie, die Ideallinie, die er selbst nicht fahren muß, ein Glück hat er, dieser Gott, der den Motor beherrscht und es auch den andren zeigt, er kann es zeigen, er kennt den Motor wie das, was in seiner Badehose eingesperrt ist, trotzdem muß er sich jetzt von ihm verabschieden, er wird ihn nicht wiedersehen, der Motor wird sich abstemmen, losstemmen, die Menschen sind verladen, sie sind eingeladen, wenn sie es nicht wollen, müssen sie den Wald eben hierher verlegen. Wenn sie Schatten wollen, muß der Wald hierher ziehen. So. Sie müssen also nur hier etwas ziehen oder zerren, dort drehen, dann drohen, dann wieder halten, ich weiß es nicht, was ein Motor halt so macht, wenn er funktioniert. Aber der Treibstoff ist ja eingefüllt, der uns antreibt, der Motor hat sich die Lohen einverleibt, und er faucht, und er läuft jetzt, er läuft allerdings von Anfang an stotternd, er spuckt vor uns aus, da kann was nicht stimmen. Warum sollte er nicht funktionieren, warum nicht, er wurde doch mit diesem guten Diesel hier gefüttert, damit er es warm hat, nein, nicht getränkt, nur gefüttert, warum soll er dann nicht weitergehen als wir, die gar keinen Treibstoff haben, denn was uns antreibt, das ist in uns, da haben wir es wenigstens gleich zur Hand? Und es stimmt auch was nicht. Es stimmt was nicht mit dem Motor. Das ist ein Motor, das ist kein Ast, das sind keine Gleise, das sind keine Wolken, das ist etwas, das brüllt und speit, in seiner Nähe werden keine Beeren reif, das steht mal fest, wieso sag ich das? Weil es ein andrer vor mir gesagt hat, nicht direkt vor mir aufgesagt, aber mit dem bin ich auf der sicheren Seite wie dieses Boot nicht. Der Delphinmann krault zur Küste zurück, gleich ist er auf dem Trockenen, das Boot läßt er allein losfahren, das weiß schon selbst, was es zu tun hat; die Leute haben kapiert, wie der Motor funktioniert, sie hatten einen Einführungskurs, den das Meer sich erspart, es braucht keinen Kurs, wenn ihm was eingeführt wird. Den Kurs müssen die andren halten. Das Boot schwimmt auf dem Wasser wie Vögel auf Baumwipfeln, bloß schwimmen ist das nicht, die können jederzeit weg, die Glücklichen! Sie sind jetzt auf sich gestellt, werte Damen und Herren, schauen Sie zu, so funktioniert das, das ist gut, das ist gut, das wäre ich auch gern, aber auf mir kann ich nicht stehen, stehen schon, aber nicht auf mir drauf. Ich steh auf was andres. Sie, Wasser, können Sie mir hier ein Wegerecht erteilen? Sonst finde ich nicht hinüber, wenn da kein Weg ist. Da müßte mich schon ein andrer hinstellen. Ganz allein. Von Lebenshauch umfangen wie ein Gebirge gänzlich, umfangen von was?, keine Ahnung, aber da ist kein Gebirge, da ist nur das Meer, da ist das Helle, die Menschen tanzen wie die Spitzen von Bäumen drauf, nein, die tanzen nicht, die gehen auch nicht drauf, die halten still, nicht bewegen, nur nicht bewegen! Die Vögel gehen eher zu Fuß als ins Wasser, die kennen sich aus, wo Ast über Ast gewölbt ist, dort setzen sie sich nieder, sehen Sie, diese Krähe hätte auch gern so ein Stück Brot, das ich da werfe, aber das ist jetzt im Wasser, dort kann sie nicht landen. Das Wasser ist nicht das Land, dort, dort geht es nach Naxos, nach Lesbos, nach Kos oder was weiß ich, wo ich auch noch nie war; das ist ein gerades Schiff, aber das stimmt nicht, kommt halt mit, Burschen! Ja, die Kinder auch. Kommt mit, aber nicht dorthin! Doch, dorthin, dort geht es schon dorthin, wenn wir mitgehen. Blicken Sie über den Bug, was sehen Sie? Sie können dieses Schiff nicht ostwärts steuern, nach Kythera oder sonstwohin, das können Sie nicht, wenn Sie vom Lärm eingeschläfert sind, weil nichts passiert, dieses Schiff fährt nicht, es fährt von Anfang an jedenfalls nicht richtig, es hört sich nicht richtig an, und jetzt fährt es gar nicht mehr, dieses Schiff, stockstarr im Wellengewurl, kein Efeu auf den Rudern, wann hätte dort Efeu wachsen sollen?, Ruder haben wir nicht, die sind überflüssig, wir haben den Motor, aber der geht nicht, wer kann schon auf Wasser gehen? Ich erspare mir die Antwort.

Die Kinder bekommen nichts zu trinken, da können sie sich schon mal dran gewöhnen, daß sie auch nichts zu essen kriegen, die sollen den gesunden Dieselrauch einatmen und fertig, ja, das ist Diesel, kein neues Wort, aber wie aus dem Nichts im Mund von jedem, ein Atem, der heiß um die Waden fahren sollte, aber er kommt nicht, das Schiff kann nicht atmen, noch ringt es darum, aber da kommt nichts, und hat doch den Diesel gekriegt, einen modernen Treibstoff, den es aber schon lange gibt, mit dem können Sie sogar heizen, wenn Sie wollen, bloß: Der riecht irgendwie komisch, wenn er verbrannt wird, wenn zuviel verbrannt wird, nein, wenn er nicht zur Gänze verbrannt wird, das war so nicht ausgemacht, daß so viel verbrannt wird, mißbraucht von dem Wagen des Volkes zum Betrug, das geht nicht, daß Autos so billig sind und so viel können! Das geht, daß Menschen so billig sind und nichts können, nichts dafürkönnen, egal. Es geht nicht. Dieses Auto geht jetzt nicht mehr richtig, der Diesel ist nicht gut, der Diesel ist verdorben, er treibt nur zwei Antriebsräder an, die ganze Menschheit steht jetzt mit ihm auf dem Prüfstand und zittert, ob er durchkommt, ob er die Vorgabe erfüllen wird, wie soll das gehen, mit nur zwei Rädern?, bitte, was machen wir mit nur zwei Rädern, was machen wir derweil mit den anderen beiden?, wir brauchen für dieses Gefährt mindestens noch zwei, jedes gern auch separat angetrieben. Oder, andre Möglichkeit, Umstellung auf Handbetrieb: Wir brauchen dann immer noch mindestens einen Menschen, der anpacken kann. Leider wird keiner von denen einen Motor ersetzen, laufen wird er vielleicht, keine Frage, er wird laufen, wenn er muß. Aber bei dem wird dann der Schadstoffausstoß vielleicht zu groß sein, wer weiß? Stellen wir ihn auf geringe Schadstoffe ein, und geben wir ihm genug zu essen, dann wird er schwach laufen, er wird stottern, klar, stellen wir diesen Menschen, der sich schon bei der Arbeitssuche verschlissen hat, jedoch auf ein Optimum an hoher Leistung ein, dann wird er weniger Kraftstoff für sich abzweigen müssen, dafür wird er dann dahinrasen, über die Straßen, am Fließband, alles wird gleiten, alles wird bei ihm glattgehen, alles glatt, nichts verkehrt im Verkehr. Er wird allerdings schmutzen, er wird Dreck machen, mehr als zuvor da war, er wird dann unsere Umwelt verpesten, also, was machen wir mit ihm? Keine Ahnung. Was ist das erwünschte Verhalten? Kommt drauf an. Es kommt drauf an, was oder wen Sie schonen wollen, sich selbst oder Ihre Welt ringsherum, den Wald, die Wiese, den Fluß, den See. Von Menschen lese ich hier nichts. Ich weiß, was ich im Schongang essen darf, das genügt mir schon. Vieles vertrage ich nicht, das die Umwelt noch lange vertragen würde.

Der Himmel bleiern, doch wenigstens kommt er nicht runter, das fehlte uns noch, runter müssen wir selber, wo wir auch sind, es geht immer noch tiefer. Der Aufsichtsrat tritt zusammen, zum Glück tritt er nicht uns zusammen, er vertritt uns nur. Sagen wir also: Der Aufsichtsrat tagt, doch die Autos wollen gar nicht beaufsichtigt werden, die wollen, daß flaue, stehende Luft, die wir einatmen, weil wir keine andre dafür haben, sehnig wird, so wie Katzen, daß sie uns trägt, die Luftboot-Luft. Dafür fehlt uns nun wiederum die Aufsicht für diese Menschen hier. Sie tun, was sie nicht wollen, es bleibt ihnen nichts andres übrig. Das Boot ist vollgepackt mit ihnen bis zum Rand, selbst wenn sie liegen, da ist nichts zum Anpacken, das nützt dem Motor nichts, daß er die Luft verschmutzen kann, wenn er doch nicht geht!, das kann er doch auch, wenn er funktioniert!, bitte, Motor, vergifte uns, aber laufe, lauf einfach los!, von uns weg geht nicht, laufe aus dir heraus, wie die City-Marathonläufer, die tun das auch einzig aus sich heraus, wer würde das sonst freiwillig tun?, nur der, der muß. Nur Wasser hier, der Motor hat einen Schaden, das steht fest, einen Dachschaden, einen Ventilschaden, einen Schaden jedenfalls. Diese Volkswagen haben keinen Schaden, sie sind nur zu billig für das, was sie können müssen, sie sind zu teuer für das, was sie nicht können, aber können sollten. Ich möchte bitte so ein Dieselauto kaufen, dann baue ich den Motor aus, fülle Diesel ein und schenke ihn diesem Boot, in dem der Motor so stottert. Damit es endlich weiterkommt, gleich gibt er auf, der Motor, Sie werden sehen, gleich gibt er ganz auf und läßt es sein. Und was machen wir dann? Durch Redlichkeit erleiden wir keinen Schaden, durch einen kaputten Motor aber schon, vor allem, wenn wir weitermüssen. Auf diesem Ruder wächst langsam doch schon Efeu, ich weiß jetzt auch, warum: So lang wurde es nicht benutzt, daß er nun endlich wachsen konnte, aber wir haben dieses Ruder ja gar nicht, wir haben Ihnen das wiederholt versichert, deswegen müssen Sie uns nicht versichern, was könnten wir hier mit einem Ruder anfangen? Wir haben es dafür eilig, wir haben es umsonst sehr eilig, wir können nicht endlos leben, ohne zu atmen! Bitte, kann irgend jemand den Nebel aufheben, kann uns den jemand aufheben, irgendeine Plastiktüte werden wir schon dafür finden, hier treiben ja so viele herum, der Nebel stört uns. Wir sehen jedoch ohne ihn genausowenig. Da ist aber gar kein Nebel, das ist nur die gute Atemluft, die können Sie gern verwenden, wenn Sie sonst nichts benötigen. Ach, Sie benötigen auch noch Ihr Haarwachs, das haben Sie immer dabei im Rucksack, damit Sie schön und modisch aussehen, wenn Sie sich irgendwo vorstellen müssen. Das verstehe ich. Den Wunsch nach Schönheit verstehe ich. Das Kind atmet die Dieselabgase ein, ihm ist schlecht, können wir es bitte woanders hinsetzen? Nein, können wir nicht, sonst ist das Gleichgewicht gestört, außerdem müssen wir uns um den kaputten Motor kümmern. Aber wenn der ohnedies kaputt ist, muß man sich doch nicht um ihn kümmern! Es bleibt uns nichts andres übrig. Wir haben Schwimmwesten, die haben wir, aber ertrinken tun wir trotzdem, keine Ahnung, wie, aber das schaffen wir schon. Und wenn wir es nicht schaffen, dann werden wir gerettet, dann kommen wir an und schmeißen die Westen am Strand weg, als wären sie nicht kleine Lebensretter gewesen, um uns über Wasser zu halten für eine Zeit, wir brauchen sie nicht mehr, diese luftigen Hüllen, die uns hätten retten können, wäre es nötig gewesen und wäre dieser Fischtrawler nicht gekommen und hätte uns in den Schlepp genommen. Das können wir jetzt noch nicht wissen, da muß erst einer telefonieren und jemand erreichen.

Wir schmeißen alles weg, nur uns nicht. Das Wegschmeißen ist jetzt zu Ende, jetzt kommt das Nehmen, ans Gatter geduckt, in den sperrigen, stachligen Natodraht gewickelt, verlegen Sie den mal ein paar Meter zur Probe, zum Beispiel zwischen Ungarn und Slowenien, Sie werden schon sehen, wie weh das tut!, und Sie werden ihn gleich wieder abmontieren, das war wohl nichts, der erfindungsreiche Odysseus hätte sich gar nicht erst die Arbeit gemacht, sondern etwas anderes erfunden. Jetzt kommt also das Leben wieder auf uns zu, wir hatten es schon aufgegeben, plötzlich umschlingen uns Arme, jetzt bin ich sicher, unsere Herzen zerspringen bei diesem Anblick. Ist das überhaupt das Leben?, noch sehen wir es nicht genau, endlich, willkommen!, das Meer tiefblau, jetzt aber immerhin Zeichen von Lebendigkeit, die sich mehren, Schlamm, Abfall, Auswurf, als hätten wir etwas auszuwerfen, eine Angel?, nein, unser innerstes Produkt, das werfen wir aus wie die Waffe die Hülsen, geduckt, immer geduckt in den Kernschatten von Zäunen und Schranken. Da war das Meer ja noch blau und tief dagegen, trotzdem haben wir das Seichte begrüßt und den Strand dahinter, wo noch mehr Dreck liegt, das ist es, was Menschen am liebsten erzeugen, nicht Autos, nein, Dreck, der zum Teil wieder von den Autos kommt, ich kenne mich nicht mehr aus.

Wir taumeln wie Ameisen unter den Leichenstücken von Tieren, die sie schleppen, doch wir fallen noch nicht. Das ist gut. Der Motor ist tot. Wir sind es noch nicht. Es liegt eine Sonne auf dem Wasser, bitte, kann wenigstens einer die Sonne retten? Die geht doch sonst auch noch unter! Nein, geht sie nicht. Der Motor geht auch nicht mehr, der geht jetzt nicht mehr, egal, was wir machen. Er läßt sich nicht beleben. Die Morgensonne holt die Schatten ein, aber das ist uns jetzt egal, für uns ist da nichts zu holen. Wir schwimmen ins Helle, wie der Delphinmann vorhin, schon da hat der Motor nicht richtig funktioniert, nicht so, wie der Mann gesagt hat, er hat es versprochen, daß der Motor noch eine Weile hält. Dieses Nichtfunktionieren ist in Wirklichkeit vielleicht Funktionstüchtigkeit?, wie Ihre Funktionskleidung, so ungefähr, die funktioniert ja auch, und zwar erst in der Bewährung von Sturm und Wasser, dann wird sich Ihr Anorak, dann wird sich Ihre Funktionshose bewähren, Sie werden sehen! Aber bei diesem Boot, da bezweifle ich es, wir wußten, wo es abgehen sollte, das war schon alles. Jetzt ist Zeit, unseren Namen zu sagen, nur will ihn keiner hören. Welche Stadt wird uns morgen umwohnen? Gar keine? Nur Wasser? Welchen Namen haben Sie bekommen, sagen Sie ihn! Vielleicht ist es das letzte, das Sie sagen werden. Jeder wird irgendwie genannt, sobald er von der Mutter geboren. Ist so. Gehört sich so. Sage mir auch dein Land, dein Volk und deine Geburtsstadt, daß, dorthin die Gedanken gelenkt, die Schiffe dich gerade dort nicht wieder hinbringen sollen! Sie sollen dich ja woandershin bringen. Der Phäaken Schiffe bedürfen keiner Piloten, die vielleicht, aber unsres schon, nicht des Steuers einmal, also die brauchen angeblich auch kein Steuer, wie alle übrigen Völker eins haben; wohin unser Volk gesteuert wird, das wissen Sie im voraus, ein Blick auf uns genügt Ihnen schon. Und jetzt müssen wir selber steuern, doch ohne Motor geht das nicht, und mit Motor könnten wirs nicht. Es gibt Schiffe, wir kennen sie nicht, die Schiffe aber kennen von selbst der Männer Gedanken und Willen, wissen nah und ferne die Städte und fruchtbaren Länder jeden Volks und durchlaufen geschwind die Fluten des Meeres, eingehüllt in Nebel und Nacht. Ja, gut, in Ordnung. Aber wir können das leider nicht. Wenigstens schweigt das Meer noch. Noch! Keine Ahnung, was ihm alles einfallen wird, wenn es merkt, daß wir zur Gefahr in dieses Schiff geleitet wurden und nie ankommen sollen. Ein Geleitschutz wäre jetzt fein, da könnten wir mit denen reden, wir könnten ihnen was zuschreien, sie könnten uns ein Tau zuwerfen, das wäre nicht schlecht im dunkelwogenden Meer, das könnten wir gut brauchen. Plötzlich verderben und rings um die Stadt ein hohes Gebirg ziehn, das wäre auch nicht schlecht. Na schön, aber nicht hier. Nicht hier. Hier können wir vom Gebirg nur träumen!

Die Dünung nun glatt und blank, denn es ist keine Dünung. Der Delphinmann, der uns den Motor erklärt hat, aber nicht in Funktion, denn funktioniert hat er ja nie richtig, der Mann schwimmt nun zum Strand zurück, angezogen ist er schon richtig dafür. Wir müssen den Strand erst noch erreichen, den anderen Strand, zu dem wir hinwollen, ich weiß nicht, ob wir das schaffen, dort sind dann Rasen und schmucke Bäche, wie wir es aus der Heimat nicht kennen. Wir werden aber große Hotels sehen und erleuchtete Restaurants, da bin ich mir sicher. Und gute Menschen, die uns was bringen, eine Pizza vielleicht, eine Flasche Wasser, ein Stück Brot mit was drauf. Und uns was sagen. Mir sagen die Menschen nichts, aber es gibt welche, die verstehen sie. Dort werden wir dann der Heftigkeit unseres Wollens endlich freien Lauf lassen können. Wenn nur der Motor besser liefe! Tun Sie was dagegen! Der Mann in der grünen Badehose steigt ans Ufer und zieht das Geld heraus, das er mit uns und an uns verdient hat. Und wenn wir verschwunden sind, ist nichts mehr nachzuweisen, wenn wir bleich unter den Algen dahintreiben, die gibt es hier nicht?, sagen wir Quallen. Des Schwimmers Arme zu Ästen geworden, so schwimmen wie der, das möchte ich können! Mit seinen Milchbrüdern wird er heute abend feiern, schon wieder hat er Lebenshauch von Menschen kassiert, es war ihr Eintrittsgeld ins Meer. Die haben alle bezahlt, sonst wären sie nicht auf das Boot gelangt. Das Meer wird extra kassieren. Bezahlt wird zuerst, aber dem Meer muß auch noch gezahlt werden, da müssen wir uns was überlegen, wir sind ihm die Miete noch schuldig, wir haben fast alles schon ausgegeben, für 50 Dollar auf einem Stuhl sitzen, für 350 Dollar drei Stunden in einem Bett schlafen, hier, auf diesem Zettel steht es, es wurde überprüft, daher ist es wahr, ich habe es auch nur gelesen, angeblich stimmt es, doch was sind schon Prüfungen! Von diesem Motor kann man das nicht sagen, man kann nicht sagen, der verausgabt sich, und man kann sicher nicht sagen, er wurde überprüft, obwohl wir für ihn im voraus bezahlt haben, das war auch eine unserer Ausgaben, von uns gibt es jedoch viele Ausgaben, wir sind ja so viele. Bitte, was kostet das Fahren pro Meter? Werksangabe und Wirklichkeit klaffen auseinander, nur werden wir es nicht merken, weil wir es nicht waren, die tanken mußten. Jetzt ist er voll Diesel, der Motor, der kotzt gleich, der war ja auch eine Ausgabe, der Treibstoff, eine beträchtliche, und da ist Ihr Essen noch gar nicht dabei, oder?, und nein, er verausgabt sich jetzt doch nicht, der Motor, er gibt nicht einmal, was er hat. Er gibt nichts. Der Volkswagen hat immerhin gegeben, was man zuvor ihm eingegeben hat, er blieb niemandem etwas schuldig. Mehr bekommen auch Sie bei spritziger Fahrweise nicht, denn dann müßten Sie diesen kleinen Tank mit der nützlichen klaren Abgas-Reinigungsflüssigkeit ja dauernd nachfüllen! Ein Wunder, daß dieses Auto keine tausend Kilometer damit auskommt, so rücksichtslos, wie Sie das fähige Floß der Landstraße dahinjagen, als wäre Diana mit ihren Hunden hinter Ihnen her, um einen Hirschen aus Ihnen zu bauen, da liegt noch viel Arbeit vor ihr. Was sagen Sie? Die, welche es schufen, das Gefährnis, waren ja auch zu allem fähig? Das stimmt wohl, sie waren dennoch in keiner Bedrängnis, nichts spricht für sie. An der Tankstelle dann die Überraschung, denn dort sind plötzlich wir etwas schuldig, was man eigentlich uns versprochen hatte! Eine Ersparnis sollte es sein. Eine saubere Welt, und genau dieses Fahrzeug wird sie mit dieser klaren Flüssigkeit erzeugen, es wird dabei mithelfen, damit auch Ihr Leben hell und klar vor Ihnen liegt, ja, genau, da können Sie ganz sicher sein. Bloß zahlen müssen Sie noch. Ist aber nicht so schlimm, Sie können es selber einfüllen, kein Problem, lesen Sie nach, wo der Tank ist, mit eineinhalb Litern kommen Sie bis zu 30.000 Kilometer weit, das mit tausend war wirklich zu pessimistisch, wozu also die Aufregung? So lang reicht die Reinheit, die Sie in Ihren Tank füllen können wie ein paar letzte Gebete in Ihre Seele, so lang reicht auch die Reinheit mittels Katalysator, das ist die andre Möglichkeit zur Reinigung, den müssen Sie allerdings mit der Dieseleinspritzung wieder sauberkriegen, aber auch das geht, wenn auch nicht von selbst. Alles geht, doch nichts geht von selber, außer Ihnen selbst. Es geht immer alles, nur nicht für jeden. Und das Beste daran: Das meiste können Sie auch selber machen, nur keine Aufregung! Das können Sie persönlich einfüllen, Sie brauchen nur einen Trichter, einen Kanister oder eine Zapfpistole, und schon ist wieder alles sauber und rein. Oder es wird saubergemacht. Weil wir schon dabei sind: Sind wir etwa schuldig? Was sind wir Ihnen schuldig?

Dieses Boot gibt nichts und sagt nichts mehr, es spuckt eine Zeitlang, lang genug, um vom Ufer wegzukommen und nicht mehr auf Sand oder Felsen blicken zu müssen, und dann schweigt es. Die Leute waren so froh, daß er überhaupt was getan hat, der Motor, aber er hat es nicht richtig gemacht, denn jetzt schweigt er ganz. Er ist nur mit Mühe angesprungen und durfte auf keinen Fall ausgehen, sonst kriegen Sie den nie wieder in Gang, und dann müssen Sie selber gehen, aber wo?, solang er läuft, ist er warm, wie der Mensch auch. Solang er noch laufen kann, hat er die Lebenstemperatur, er konnte sich nicht aufwärmen, aber er hat noch genug Restwärme, um zu laufen, hundert, zweihundert Kilometer weit, der eine schafft das, der andere dort nicht, da kann man nichts machen, der aber, auf den ich setze, der schafft das. Bloß schwimmen sollte er auch noch können, doch das ist zuviel verlangt von einem Motor, denn im Wasser macht er schlapp. Und bedenken Sie: Durch das Schaukeln des Bootes, für das es nichts kann, ist doch sicher Dreck im Tank hochgeschwemmt worden, der nicht entfernt werden kann, das ist wie mit den Wüterichen daheim, denen das Volk Würde verleiht, die müssen sie aber wieder zurückgeben. Geliehen ist geliehen. Der Reichtum könnte es besser, aber der wird nicht verliehen. Merken Sie sich das, denn im Gegensatz zu allem anderen werde ich das nicht noch einmal sagen. Alte Kisten wie mich kriegt man oft nur in Gang, wenn man sie vorher irgendwie warmbekommt wie diesen Schiffsmotor, und jetzt laufe ich halt heiß, bis Sie mir Einhalt gebieten. Sie können eine Lampe, vielleicht kein offenes Licht, eine lichtscheue Lampe an mich halten, denn ich kann nicht an mich halten, ich kann das nicht, ja, so müssen Sie die Lampe halten!, damit ich mich etwas anwärmen und dann losgehen kann. Das wollen Sie gar nicht? Aber ich möchte es gern.

Man hört ihn gar nicht mehr, den Motor, kein Wunder, er tut ja auch nichts mehr. Er hat grade lang genug ein Versprechen abgegeben, diesen Menschenhaufen zur Insel Kos oder eine ihrer Nachbarinnen zu bringen, das kann er jetzt so wenig halten wie die Autohersteller, die jedem Druck nachgeben, zuerst der Luft, die selber auch atmen möchte, dann dem Kunden, der schon alleine atmen kann, dann dem Meer, dann der Abgasmessung. Oje, das kann nicht stimmen! Und diese Menschen haben auch dem Druck stattgegeben und Schwimmwesten und so kleine Wasserflaschen und Energieriegel gekauft, aber Energie werden sie von denen nicht kriegen, die Energie haben schon wir verbraucht und dann hinter uns abgeriegelt, und zwar alle Energie, als wir noch dachten, sie wäre billiger.

Wenn ich denke, was die für ein Theater wegen Hektors Leiche veranstaltet haben! Und das war genau nur ein einziger Mann, und neun Tage empören sich im Streit die unsterblichen Götter. Aber daß der Motor jetzt nicht mehr geht, das kümmert die nicht, das kümmert außer uns keinen. Wegen eines Mannes, der jetzt eine Leiche ist, streiten die seit neun Tagen, und wegen dieser Tausenden Männer, Frauen, Kinder machen die nicht annähernd so ein Gewese, die werden schon von selbst verwesen, ich muß nachschlagen, wie das im Wasser funktioniert, wo sie aufquellen werden, Männer, Frauen, Kinder, die ab sofort auch Leichen sind, und bald kommen auch noch wir dazu, noch dreißig oder so, noch dreißig mehr, ungefähr, gleich dort drüben noch ein paar, und heute kommen sicher noch mehr Boote! Glück gehabt, diese hier werden keine Verstorbenen, also jetzt noch nicht, das wird prophezeit, und brüllend stoßen die Götter zusammen, aber diese Menschen sind zum Glück nicht dazwischengeraten, ja, genau, Glück gehabt, darüber streiten die Götter sich einmal nicht. Die Götter streiten darüber, daß dieser Volkswagen gelogen hat und der dort auch, so billig kann ein Auto nicht sein, an das man Ansprüche stellen darf. Unsere Ansprüche an diesen Motor im Boot waren viel bescheidener, es war die Mindestforderung, er soll gehen und aus, es sollte sich ausgehen, aber er geht nicht. Da hat er Diesel gesoffen, bis er fast gekotzt hätte, er hat noch ein paarmal geröchelt, und jetzt geht er ums Verrecken nicht. Verrecken, wer will das schon? Aber bitte, wenn es sein muß und das Wasser es wünscht, wenn es uns holen will in unserer Jugend grünem Jahr auf des Odysseus' Kielspur. Da geht etwas nicht. Ich glaube, das Schicksal beschloß Verderben. Falls es etwas anderes beschlossen hat, werde ich es in dieser Zeitschrift erfahren, die unser Spiegel ist und immer mit dem großen hölzernen Roß auffährt, und ich werde singen, wie die Städte von den Flüchtigen verheert werden, bis ein richtiges Heer einschreitet, anders wird es nicht gehen. Und der Wind, was sagt der dazu? Der Wind, der geht nicht, sagt man das so? Läßt er sich von seinen Feinden, den diversen Fahrzeugen, wild von hinten in den Rücken schlagen? Das wird nicht nötig sein. Der Wind, der weht trotzdem nicht, egal, mit welch erbärmlichem Los Sie ihm drohen, wenn er nicht geht. Er treibt uns auch nicht an. Der Wind geht nicht, der Motor geht nicht. Es ist, als hätte sich alles gegen uns verschworen. Vielleicht ein kleines Opfer? Opfer gefällig? Wir wollen keine Opfer werden, aber vielleicht dieses Mädchen dort, das grade so eine schöne Zeichnung macht? Dieses Mädchen wollen Sie opfern? Ich bitte Sie, das ist doch lächerlich! Das ist doch kein Opfer! Solche Opfer bringen wir jede Stunde, falls es verlangt wird. Wie machen wir das mit dem Opfer, irgendwie müssen wir ja anfangen und irgendwo. Welcher Stern zieht dort die steile Bahn? Was steigt der auf zum Scheitel des Himmels, wo wir doch hinab müssen? Kein Laut ringsum, also fangen wir jetzt das Opfer an oder was ist? Der Wind, der blöde Wind schweigt, er will Schreie haben, damit er sie weitergeben kann, und deshalb ist er jetzt still, damit er was hört, wenns losgeht. Wir sitzen hier mit 27 Leuten und einem kaputten Motor fest, haben Sie das verstanden? Das Opfer muß her, wer meldet sich freiwillig? Dieses Mädchen, na, viel ist das nicht, der Herr dort drüben vielleicht?, die Dame mit dem Kopfschal?, nein? Als Pfand für unsere Überfahrt soll das Mädchen allein also reichen? Na, ich weiß nicht, aber wir lassen uns auf alle Fälle nicht überfahren. Opfer, hierher, einen Stein willst du? Wofür einen Stein? Damit du dich drauf legen kannst? Wem die göttliche Hilfe nicht sicher steht, stürzt hinab in den Grund. Und die Menge? Ihr schillernder, niemals zufriedener Sinn stiftet doch nur Verderben. Und du bist ein Mensch, ob du willst oder nicht.

Also wenn unsere Kinder im eigenen Dreck liegen und kranken Dieselrauch von einem kranken Motor einatmen müssen, dann haben wir keinen Platz für dich, Mädchen, da, leg dich hin!, wir sagen dir, wo du dich hinlegen kannst, und los gehts, verzögere es nicht. Ich laufe ja schon, ich laufe, wo bitte willst du hier laufen, hier kannst du doch nicht einmal stehen, dich nicht einmal zum Opfer hinlegen, und trotzdem. Ein Opfer muß sein, laß dich nicht vom Schlummer berücken, du Opfer, du wärst keins, wenn du das bewußtlos erleben würdest, das geht nicht. Kein Wind, wir hätten eh keine Segel für ihn, kein Motor, aber du bist da, Opfer, du wurdest gebraucht, und jetzt wirst du gebracht. Nicht mit schnellen Rädern vorüberrollen, mein Kind, zu den Schiffen der Griechen, da kommt ja schon eins, aber Griechen sind wir nicht, zu denen wollen wir ja hin, und das ist überhaupt kein Schiff, das ist ein Wagen, der mit vorüberrollt, nur hat er zuviel Antrieb, er verbraucht zuviel für den Antrieb, und da ist diese fähige Flüssigkeit von vorhin noch gar nicht eingerechnet, genau, die zum Reinigen, die Reinigungsflüssigkeit, die selber rein sein muß, nein, Wasser können Sie dafür nicht nehmen, auch wenn es so klar wie unsichtbar ist. Das wird uns nicht passieren, daß wir, wie die Kapitalisten, den Wechsel lieben und uns zur Abwechslung einmal bei Ihnen niederlassen dürfen. Uns treibt man überall aus, wir treiben davon, wir werden davongetrieben, das geht von allein, das geht mit diesem Schiff, es ist das einzige, das wir haben.

Hain

Vorher noch Bewirtung im Orangenhain, das steht auf dem Programm, darauf bestehen wir, die Tümmler umtanzen den Bug. Ich erkläre das Getümmel jetzt für beendet. Windgunst bis zur Höhe von Naxos, Kythera oder einer der Nachbarinnen, wie heißen die noch gleich? Eseljungen, Staub, Wüsten, Jerusalem, Bakschisch und ein endloser Umstand mit Pässen. So weit sind wir jetzt noch nicht, und so weit kommen wir wahrscheinlich nicht, denn wir haben keine. Erst müssen wir ziehn ins ferne Meer, ach, da sind wir schon, da sind wir ja schon! Auf dieser Bootsfahrt denk an uns, du Opfer, denk an uns, denk an daheim, denk, was du willst, Mädchenopfer. Was sagst du? Da fährt doch gewiß die Mutter mit, oder? Also siehst du hier deine Mutter? Nein. Also ist sie wohl nicht da. Kein Vater, keine Mutter, du allein, zu anderen Menschen in ein fremdes Haus, aber zuerst das Opfer, damit kannst du dir das alles ersparen, während wir unser Erspartes anlegen werden, in Taxifahrten nach Deutschland zum Beispiel, und wenn wir nicht zahlen können, wird der Taxifahrer uns ein halbes Kilo Fleisch herausschneiden, aber bitte, wir fahren doch nur bis zur Grenze, rübergehen müssen auch wir allein, alles allein, wir alle allein, wir alle.

Nur langsam, wir sind noch nicht so weit, wir sind nicht einmal weit gekommen, von so weit gar nicht zu reden. Müssen wir halt mit den Wellen reiten, auf so Brettern, dann ein Selfie davon, bevor es zu spät ist, denn das Boot will nicht weiter, das bockt, das muß neu gebootet werden, das mußte ja kommen. Wir wären schon froh, einen Meter weiter für denselben Diesel zu kommen, also dieselbe Menge, die Ihr Volkswagen in einer Minute einatmet. Fünf Millionen Autos sind betroffen, wir sind es nicht. Über uns weint keiner aus Betroffenheit. Moment, da ist etwas fahl in den Mondschacht gefallen, laßt uns durchzählen, ob das einer von uns war! Nur einer? In Ihrem Blut schlägt wohl Farbe, daß Sie da nicht betroffen sind? Wir dagegen sind zum alsbaldigen Verzehr durchs Meer bestimmt und sind dagegen. Egal, was das Meer will, wir wollen es nicht. Bitte, Scheu und Liebe gehören ins Herz hinein, der Ruhm gehört wem? Man sagt mir: eindeutig dem Peleiden und seiner Pallas, der Göttin der Deutschen, von mir aus, aber was bleibt für uns? Was bleibt uns Menschen übrig? In tobendem Unsinn hielt dieser Hektor ungelöst, wieso ungelöst?, bei den prangenden Schiffen etwas zurück, keine Ahnung, was, doch was ich weiß, ist, daß dieses Boot nicht prangt. Es ist prall von Menschen, es ist vollgestopft, es ist einfach zu voll, aber prangen tut da nichts. Was, wir sollen mit Gaben die Götter verwöhnen, nein, verhöhnen?, nein, versöhnen? Gehts noch bitte? Was sollen wir noch geben? Wahrscheinlich uns selbst, das wollen die Götter ja immer, na gut, dann geben wir uns ihnen eben hin, wenn sie es verlangen, wenn ihnen das Mädchen nicht genügt, das wir ausgewählt haben, das haben wir ja gleich gesagt. Der eine Gott ist leider schon weg, der mußte gehen, der mußte zum Abendessen daheim sein, das hat er der Göttergattin versprochen. Der da Macht hat über uns, weil ihm das Boot gehört, ja, der Motor auch, der ist schon von Bord gegangen, nein, nicht der Motor, der, wie sagt man, dieser Mann, der Versprechungen gemacht hat, was kann er dafür?, ihm gehört das Boot nicht, ihm gehört nur das Geld, mit dem hätten wir viele Boote kaufen können, jedes einzelne ganz für uns allein, wer rechnet das aus bitte?, andrerseits: Das Boot ist fürs Versenken wie gemacht, wenn schon versinken, dann lieber dort, wo die Menschen nackt in Flüssen schwimmen und sich an schönere Schiffe schmiegen, die keine Küstenwächter brauchen, weil sie sich in einem Jachthafen befinden. So, jetzt schwimmt er dahin wie ein Delphin, sein Besitzer, der es aber auch schon gebraucht gekauft hat, das Boot, aus dritter Hand, es wird eh versenkt oder sinkt von alleine, warum Geld ausgeben, und einen Motor, der funktioniert, können wir auch besser einsetzen, den können wir besser woanders einsetzen, wo wir länger was davon haben. Jetzt springt er hoch, der Mann, aus dem Wasser hoch, ich sehe deutlich seine enge grüne Badehose, von Badehosen scheine ich besessen zu sein, von Anfang an, also von dem, was drin ist, das wärmt meinen Bluttank, der nicht nachgefüllt werden muß, ich bin selbstreinigend, ich brauche nicht zu saufen, um zu laufen. Der Mann, von dem wir das Boot haben, schwimmt nun zurück, an Land, weg von uns, möglichst schnell weg!, damit er nicht in unseren Sog gerät. Wir aber, wir wollen ja genauso weg hier, wir wollen in die Gegenrichtung, ohne Gegenverkehr, denn alle anderen wollen auch dorthin; wir fahren auf dem Wasser, als wäre es Land, wir fahren, Zorn ist Pflicht, aber keiner da, der ihn empfängt, kein Gott, der um uns würfelt, nicht einmal um unser Gewand, keine Gesellschaft, die uns austauscht, wir wüßten auch nicht, gegen was. Wir sind nichts wert, man kann uns was schenken, bitte, das schon, aber eintauschen würde uns niemand, gegen nichts. Wir machen ja alles, was man uns sagt, alle außer diesen Autos auf ihrem Irrweg, alle machen genauso, was man ihnen sagt, bloß war es das Falsche. Man hat diesen Motoren versprochen, daß sie lange leben werden, das haben sie verstanden, ihr Leben ist Wettkampf, zu dem sie höhnend, weil sie zu billig sind, gefordert wurden, sie sind jetzt bereit wie ihre Gefährten, so, und jetzt werden die Gefährte alle zurückgeholt, heimgeholt. Wir aber sind auf Hilfe angewiesen, um fortzukommen, klar, ohne Zorn ist keines Menschen Leib, Besitz und Freiheit sicher, also bitte, dann holen wir den Zorn eben her, er wird uns auch nichts nützen, aber zur Sicherheit nehmen wir ihn mit, er ist in diesem wasserdichten Plastiksack, nein, nicht des Peleiden, zusammen mit dem Phone, auf dem die Bilder von Familie, Haus, Land, Diplom drauf sind, alles weg, alles weg, aber die Bilder wollen noch ein wenig bleiben, nicht lang, nur kurz, der Zorn liegt gleich daneben, dort haben wir ihn hingelegt, denn in uns nützt er derzeit nichts, er wird schnurrend sich strecken, er wird fauchend aufspringen, mich wundert, daß er das noch nicht getan hat, aber hier hat er zuwenig Platz, klar. Luchse und Leoparden, die ja. Wir nicht. Ja sind wir denn Schafe, daß wir keinen Zorn haben? Der muß doch irgendwo sein, wir haben ihn doch abgelegt, und zumindest sinken tut das Boot noch nicht, es tut alles, was es nicht soll, aber es sinkt noch nicht! Wenn schon der Motor hier ist, aber zu nichts nütze, wo bleibt dann unser Zorn, wo ist er hin? Wir haben ihm doch noch nicht gesagt, gegen wen er gerichtet werden soll! Wenn Sie Zorn wollen, sollen Sie ihn haben. Ich möchte den Tag erleben, an dem wir keine Sklaven, nein, ich sage es anders, ich sage etwas anderes, den Tag, an dem wir keinen Zorn mehr brauchen. Hier ist er, ich habe ihn gefunden, er war neben dem letzten Glas mit der Babynahrung, hier ist der Zorn, aber auch der treibt den Motor nicht an. Ich verstehe das nicht. Die Energie ist ja in diesem Riegel verborgen, eingeschlossen, und der Zorn nicht des Peleiden, auch diesmal nicht, leider, wieder nichts, unser Zorn ist in diesem Sackerl. Es muß seine Ordnung haben, auch wenn dieses Auto mehr ausgibt, als es eingenommen hat. Dieser Diesel fährt in diesem Auto dort, in dem anderen dort drüben wird ebenfalls ein Schluck Diesel geschaukelt, nur unser Diesel hier, im Boot, der macht gar nichts, der tut nichts. Vielleicht würde er auf einem Bergsattel was tun? Vielleicht würden wir etwas anderes tun, wenn wir satt wären?

kl Boot

Der Mann in der Badehose, er hat ihnen den Motor erklärt, das muß reichen, steigt schon ans Ufer, ist rübergeschwommen und steigt ans Ufer, er steigt auf den Strand zu seinen Freunden. Wenn Taten nicht gebündelt und gehortet sind im Herzen, kommt Entkräftung. Steh ich vielleicht in der Schuld dieses Mannes in der Badebekleidung? Na, ich gewiß nicht! Also ich bin ihm nichts schuldig. Er ist schuldig. Das macht aber nichts, und dem Meer macht es schon gar nichts. Der Motor ist hinüber, die Menschen wollen auch hinüber, und sie wollen auch essen, das geht nicht, wir haben nichts, gehen Sie woandershin. Der Motor hat gegessen, er hat brav Diesel gegessen, was schon dem lieben Volkswagen nichts genützt hat, denn er hat über die Menge gelogen, er wollte mehr und bekam es auch. Das muß einem doch gesagt werden! Ja, Ihnen schon, aber nicht jedem! Zur Strafe wird ihm der Motor bei lebendigem Leib herausgerissen, aua, er hat mit seinen zwei goldenen Augen das Land durchmessen und die Luft durchschnitten und den Wald zersägt, und er hat die ganze Zeit gelogen. Er kann nicht mehr und aus. Er kann gar nicht so billig fahren, wie er vorgibt, er kann die Vorgabe nicht erfüllen. Falsch. Sein Gehirn, die sanfte Ware, muß entscheiden, was es will, es gibt immer nur eins davon. Entweder mehr Dreck machen oder mehr essen, es geht nur eins von beiden. Geringer Kraftstoffverbrauch bei guter Leistung, also froh die Sau rauslassen, links und rechts die schöne Natur, die hält schon noch eine Weile, ja, die Lunge auch, keine Angst! Und was ist mit der dort unter Wasser?, die kann ihre Leistung jetzt nicht mehr bringen, tut uns echt leid. Also sorgloses Brettern über trockene Straßen oder, andre Alternative, weniger Schadstoffe ausstoßen. Dafür muß er dann halt mehr essen, der Flitzer, es geht nicht anders. Na, der hat Sorgen! Das muß er dann aushalten. Alles, was kostet, macht einem Sorgen. Ich wüßte, wofür ich mich entscheiden würde. Ich würde mich eindeutig für Sorglosigkeit entscheiden. Und das würde nicht nur auf dem Prüfstand funktionieren, das würde immer klappen, im Normalbetrieb schalten wir einfach den Verbrauch an Tuklar, an Cif, am grünen Frosch, an Pronto und Besto oder an AdBlue fast auf Null, und hui, schon gehts dahin, daß einem die Haare hinten davonfliegen, da geht die Post ab, das ist ein herrliches Gefühl, auch für das Auto natürlich, das sich dann um nichts mehr kümmern muß.

Dieses Boot kann das alles leider nicht, es hat nicht die Wahl, dieses Boot kann sich seinen Motor nicht aussuchen, und wenn, dann kann der nicht viel, und er muß es auch nicht lang können; sein Betreiber hat es ihm zugewiesen, und jetzt soll es was draus machen, auch nicht viel, es ist nicht nötig. Und wenn er verreckt, dann müssen wir fürs Begräbnis nichts zahlen, es wird ein Seebegräbnis. Die Vorgabe für diesen Motor und für den dort auch, für alle, die zur See gelassen werden und nicht gelassen bleiben, wenn Wasser eindringt, lautet, voran zu machen bis zur andren Küste. Aber wenn der Motor hin ist, dann funktioniert das Ganze nicht! Zwischen Berg, der nicht da ist, zwischen Wasser, das dafür reichlich da ist, und zwischen Wolkenschwärze reibt sich das arme Boot auf. Es kann nicht mehr weiter. Die Menschen, die weiter müssen, können es auch nicht, aber sie brauchen wenigstens keinen Treibstoff, die treibt etwas an, das ich nicht kenne, und an das hängen wir uns jetzt an. Wir hängen uns ein und werden gerettet, während es Brüder noch auseinanderreißt.

Und wir verlernen die Rückkehr, wir verlernen, wie es vorwärts geht, wir sehen mit den Augen, was uns zu Hause gesagt wurde, aber jetzt sehen wir etwas ganz anderes. Es stand eine Heermacht vor uns, hinter uns, überall, sie stand uns vor der Seele. Jetzt fürchten wir jede Katze des Waldes und die Luchse auf unserem Hut, ach nein, die Luchse zu unsrer Hut, Leoparden, die Trauben fressen, Reben, die uns zur Huldigung wachsen. Also bitte! Jetzt hören Sie aber auf! Na schön. In Anbetracht, daß immer etwas gesagt werden kann, kann ich genausogut aufhören. Oh böser Vogel, der auf meiner Rede schwebt. Willst du auch noch was sagen? Ich muß sterben, sagst du, ausgerechnet ich, wo doch so viele andre da sind? So viele ringsherum, so viele, die ringsherum stehen, und ich muß sterben, was, du auch? Wie das? Und wagt es einer, daß er dir zu Leibe geht, Vogel? Alle! Alle! Alle!




Nur ein paar Splitter, wirklich nicht mehr, aus:
Ezra Pound, Die Cantos (übers. von Eva Hesse und Manfred Pfister)
Euripides: Iphigenie in Aulis
Homer: Odyssee
Dank auch an Philip Hagmann und dem Deutschen Theater Göttingen und an Wikipedia mit den vielen Autos!

 

29.9.2015 / 7.10.2015


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