Die Schutzbefohlenen. Philemon und Baucis

Das verschwiegene Ziel des Anfangs? Aber es hat niemand was verschwiegen, sie haben es alle gesagt. Sie schreien es alle heraus, nützen die Anlagen, die wir ihnen gebaut haben, und zeigen Bereitschaft für das Ereignis ihres Aufgehobenseins, nein, Blödsinn, Menschen können Sie sich nicht aufheben für später, die sind jetzt da und wollen verbraucht werden, bevor ihr Datum abläuft. Das Noch-Gerettete ist Verschwendung, Verausgabung, das Warten, daß es weitergeht, ist das Sammeln der vielen Zerstreuten. Für jeden, der geht, soll ein andrer kommen. Es ist noch nicht soweit. Ich hatte schon heute damit gerechnet, doch jetzt fahren sie nicht weg, und jetzt kommen sie nicht an, bis die Zahl erreicht ist, die ich kenne, aber nicht sage, das Wort allein reicht nicht mehr aus, und doch stifte ich Ihnen dieses Sagen; und es kommen auch keine zurück, es findet kein Austausch statt zwischen denen, die ihren Ursprung überspringen und einen neuen Anfang ergreifen können, und denen, die die Nötigkeit des neuen Anfangs nicht klar genug machen konnten und hartes Vorgehen ernteten. Ich habe es mir so schön vorgestellt: den Austausch. Die einen fahren hin, andere fahren zurück, bis auf beiden Seiten genug da sind. Damit das funktioniert, dürfen es nie dieselben sein, also die einen und die anderen, ich rücke weit voraus, damit ich sie alle im Auge behalten kann. Aus der Not wird Nötigung, aber dafür muß man Not erst mal erfahren haben. Die Nötigung haben wir vorrätig und können sie jederzeit anbieten. Wir fragen einfach jeden, der hier im Schlafsack liegt, ob er auf der Liste ist. Er wird mit einer List anworten: nein, ich meine: ja, was dasselbe ist, es kommt nur auf die Seite an, auf der die Menschen zusammengestellt werden. Reisen schon die ersten wieder zurück? Sie kämen als andre wieder zurück, nach dem Austausch, doch es kommen gar keine, diese Luder haben doch glatt schon Anträge gestellt, im letzten Moment, damit haben wir nicht gerechnet. Sagen und Ereignis klaffen in diesem Fall auseinander. Sie entziehen sich, sogar dem Benötigten, denn das Benötigte kommt aus ihrer Not und bleibt auch dort. Niemand bekommt etwas. Dort wächst ein Konto wie ein goldener Tempel, haben Sie das denn nicht gesehen? Nein, haben wir nicht, wir müssen erst mal die Leute von der Kaimauer wischen, und dann müssen wir auch noch die Leute, die noch stehen können, wegschaffen, sonst sehen wir den goldenen Tempel nicht, der so groß ist wie das Volk, das soeben zu sich zurückkehrt, allerdings wurde es vorher komplett ausgetauscht. Für jeden, der geht, wird ein andrer woanders verteilt. Die Not als Heimat- und Herdlosigkeit? Was fahren die Leute da dauernd herum? Wissen sie denn nicht, daß die Heimatlosigkeit des Seins für alle gilt, ja, auch für Sie gilt das, gehen Sie nach Hause, aber schnell, die Straße hier ist noch unsicher, was sie mit Ihnen machen soll!

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In Innigkeit haben diese alten Leute sich etwas geschaffen, jeder, der einen Frankenkredit sein eigen nennt, weiß, was ich meine. Das in einer kleinen Hütte am Ende des Dorfes besteht, darin bestand ihr Schaffen, mehr ist da nicht. Mit Stroh und Sumpfrohr gedeckt. Aber im ärmlichen Haus wohnt ein glückliches Paar, das hätten Sie jetzt nicht gedacht, Sie hätten eher über die Eignung Ihres Werkzeugs nachgedacht, das der Wahrheit nahekommen soll, was passiert sonst? Sonst passiert dieser Austausch, nein, nicht dieser von vorhin, ein andrer, der zwischen Sein und Wahrheit zum Beispiel. Was? Auch davon nie gehört? Nein, den Tempel haben wir nicht gesehen, nach uns die Sintflut, da kommt sie ja schon daher! Mühsam plagen wir uns den Berg hinauf, keine Sekunde zu früh, denn da naht sie, die Sintflut, soll das etwa eine Strafe der Götter sein? Nein, nein, nein! Es gibt Boote, Surfbretter, Menschen, die schwimmen können, na, ich kanns nicht. Taucher! Es geht hinunter, so tief ist das Wasser, daß man nicht nur hinein-, sondern auch tief hinunterkommt. Der Menschen Gastlichkeit zu erforschen, kamen wir Götter zur Erde, jawohl, so sprechen sie, niemand hat Mittel, sie zu widerlegen, wir haben sie erforscht, aber nur in der kleinsten Hütte gefunden, wo aber auch noch Raum ist, denn dafür wurde die kleinste Hütte ja erfunden, daß Raum auch in ihr ist. Die Nachbarn, die nicht zu umgehen waren, denn sie kommen nie nachher, wie ihr Name sagt, sondern vorher, wurden von den Göttern schon mal für ruchlos befunden, denn die haben die Tür nicht aufgemacht. Ein Wissender hätte es ihnen sagen können, hätte er das Wort gewußt, wäre seine Zunge fertig gewesen, hätte er auch nur ein Wort in der fremden Sprache gewußt, doch so wurde Barbarei leider nötig. Hätten die gewußt, daß das Götter sind, welche anklopfen, hätten sie natürlich ein ganzes Schwein für sie geschlachtet, nicht nur, wie hier, diese armselige einzige Speckseite, die von der Decke hängt, nach der sich keiner strecken muß, sie ist sehr niedrig und gehört zum Raum dazu, diese Decke wurde gestiftet, damit der Raum auch oben abgeschlossen ist gegen die Fremden. Das ist zwar immer so, aber die zwei Alten lassen die Götter gern zur Tür herein. Gut so, denn so sind sie, die Götter, läßt man sie nicht rein, treten sie die Türe ein und dann das ganze Haus. Hier nicht nötig gewesen. So. Jetzt verlassen sie die Hütte. Die einzige Gans, die sich geflüchtet hat, und zwar zu den Göttern, klar, damit sie nicht auch noch geopfert wird wie wir alle, die versteckt sich jetzt hinter denen, hat aber das Wasser am allerwenigsten zu fürchten, im Gegenteil, sie freut sich schon drauf. Endlich artgerechte Haltung! Davon könnten wir uns alle eine Scheibe abschneiden! Ein Meer für sie, ein ganzes Meer kriegt sie! Nur weil sie nicht geschlachtet wurde! Sonst wäre das Meer ja überflüssig. Keine Gefährlichkeit des Sagens mehr in mir, der finstre Brei der Einheit der Weltanschauung, für den ich nur selten Beifall bekommen habe, ist jetzt verschwunden. Das Sein selbst ist in Not! Nein, nicht in der Not der Herdenlosigkeit, nein, Herdlosigkeit, in der nicht!, die Alten schleppen ja Speisen und Getränke noch und noch. Da fällt ihnen auf, daß die Getränke nie ausgehen. Hätten wir die Götter bei uns aufgenommen, hätten wir auch sowas Schönes erleben können! Es ist immer alles voll. Toll! Das Getränk geht nie aus, es bleibt zu Haus. Es wird mehr, es wird immer mehr, wie das Wasser unter der Hütte, das ganze Holz wird naß, macht nichts, es wird ja ohnedies ein schöner Tempel draus werden. Nein, der wird viel lieber aus Marmor und Gold sein.

Hören Sie, warum mach ich das alles? Damit Sie diese Not begreifen, kapiert? Und zwar genau diese! Dann können Sie es auch mit einer andren probieren. Ich habe nicht den Eindruck, daß Sie das nachvollziehen können. Ich spreche hier zu einer Wand, die andren drei Wände stehen schon nicht mehr. Ich spreche zu Ihnen, wann begreifen Sie Not? Wirds bald? Ich kann sie Ihnen nicht wirklich schildern, das steht mir auch nicht zu, sie ist mir zu groß, ich verstehe sie nicht, ich schaffe nur innig und versuche, das Geschaffene genauso innig zu bewahren, aber lieb und teuer ist es nur mir. Also ist es nicht nötig, auf mein Geschaffenes aufzupassen, es erhebt ja niemand außer mir Anspruch darauf. Sagen wir also: schaffendes Bewahren, wie der Denker? Na ja, viel hab ich nicht geschafft, und das wars nicht wert, nichts ist was wert, und sogar die Frage danach ist nichts wert. Vielleicht morgen, wenn die ersten zurückkommen, doch damit ist derzeit nicht zu rechnen, werden die Fragen wieder was gelten. Ich weiß die Antwort aber jetzt schon und habe sie Ihnen hier oft gegeben: Germany, Sweden, sonstige, bitte kreuzen Sie Ihr Ziel an, Ihr Wagnis dorthin wird in einem Wagen stattfinden, über den derzeit alle schweigen, die Gewalt-Tat, sie davon abzuhalten, wird verschwiegen werden. Nur die Fotografen und Reporter werden wie immer da sein, nicht gezählt, aber in einer Perlenreihe aufgereiht. Sie haben einen ganz neuen geschichtlichen Bezug offengehalten (den ich natürlich schon kenne), damit möglichst viele hineinkönnen. Sie wollen alles festhalten und mit Wortfertigkeit auch noch, ich meine, sie werden mit bereits fertigen Worten daherkommen. Sie machen sich ja keinen Begriff! Dabei steht der schon zum Angriff bereit.

Auf einmal tragen sich alle für Griechenland ein, was ist da los? Worauf die kommen, damit sie bleiben dürfen! Es ist nicht zu fassen, sogar die Großmutter muß bald sterben, und das Kind hat ein schreckliches Herzeleid, welches operiert werden muß. Ich fühle mich entmachtet und sogar von der Physik abgehängt, denn wo sollen die alle bleiben? Es ist zwar Raum in dieser kleinsten Hütte von allen, aber auch nicht unbegrenzt. Da kommen sie, die Götter. Hätten Sie sich die vorher genauer angeschaut, hätten Sies gewußt und sich auf dem Weg zur Million unter den bohrenden Fragen des Moderators wieder einen Schritt vorangekämpft.

Bitte, nehmen Sie Platz, hier ist bewohntes Erdreich, also können auch Sie hier wohnen. Wieso trägt Ihr Sohn eigentlich nur seinen Wanderstab und nicht den hübschen Flügelhut? Sein Schaden! An dem hätten wir ihn natürlich sofort erkannt. Selber schuld, wenn sie Gastlichkeit wollen und nicht erkannt werden können als Gäste. Selber schuld, wenn er sich die Flügel an die Fersen klebt, wo sie keiner sieht. An den Füßen sollte man, wenn man viel geht, gar nichts haben, nicht einmal so einen Fersenschutz wie dieser Achill, und natürlich hat der das Gegenteil von Schutz damit erreicht. Das passiert ja oft. Wenn man etwas erreicht, dann ist es das Gegenteil von etwas anderem, das ist meine denkerische Erfahrung, die natürlich nicht stimmt, wie alles, was ich denke. Die hohen Gestalten der Götter kommen also herein, keiner hindert sie, bitte um etwas Geduld, gleich ist Schluß, und Sie kennen die Geschichte eh. Und meinen Notschrei nach dem Wesentlichen haben Sie auch schon viel zu oft gehört. Ich sage, was ich immer sage, Sie sollen die aufnehmen, egal, wer die sind. In Ihre Schrebergartenhütte gehen auch noch ein paar hinein, das können Sie nicht leugnen. Daß Sie einen Notschrei ausgestoßen haben, weil da zwei Leute bewirtet werden wollen, habe ich nicht gehört, ich weiß ja, daß Sie keine Not leiden, warum also schreien? Eben. Soll ich diesen Entwurf verwerfen wie Sie diese Leute in den Booten, welche das Meer persönlich umgeschmissen hat, damit es endlich beachtet wird? Soll ich den Entwurf werfen, so weit ich kann, das wird aber nicht weit genug für Sie sein. Soll ich ihn wegwerfen? Oder soll ich Ihnen den Weg zeigen? Soll ich in Ihr Dasein oder für Ihr Dasein einspringen, das mach ich doch gern? Rein oder raus? Das wollen hier Tausende wissen. Müssen sie alle weg, damit andre an ihrer statt kommen dürfen? Warum Sprit verschwenden, man könnte, entschuldigen Sie bitte, es doch so machen, daß diejenigen, die schon da sind, bleiben dürfen und die andren, die schon dort sind, auch, nur eben dort drüben, auf der Gegenseite, nein, der Gegenüberseite. Warum wollen Sie die denn unbedingt austauschen? Mit Booten? Also für mich sehen die alle gleich aus. Wie Menschen halt, bloß zum Schweigen gebracht. Sie kommen sich gegenseitig ins Gehege, und dann reißen sie das Gatter ein. Ich warte darauf, daß das Warten aufhört. Zuerst haben sie die Boote zerstört, dann bringen sie die Fahr-Gäste mit all den andren hin und her, die einen hin, die andren her. Nein, heute noch nicht. Und heute ist schon morgen, und es geht immer noch nichts weiter. Jetzt hatte ich gehofft, daß ich für heute was Schönes zu berichten haben würde, und jetzt passiert gar nichts. Sie werden doch wohl Ihr Sein mit dem Verständnis Ihres Seins nicht verwechselt haben? Nun, dann kann ich Ihnen anbieten, wie der Herr Reporter sagt, daß Sie vielleicht ein andres Sein verstehen lernen, das nicht Ihres ist? Es ist unumgänglich. Die glauben alle, ihr Dasein wäre unumgänglich, dabei kann es jeder umgehen, jeder kann damit umgehen, indem er es einfach umgeht, jeder kann die Umgebung umgehen, und da steht jetzt also, ich sagte es schon, dieses kleine Häuschen, und dort kommen die Götter, die sich nicht zu erkennen geben, aber alle ertränken wollen, die sie nicht reingelassen haben, ohne zu fragen, warum. Sie werden eine große Flut senden, die Götter, und sie werden noch mehr Menschen hineinschmeißen, als ohnedies schon drinnen sind, denn sie haben einen Pauschalurlaub angetreten, Wasser inklusive. Ich gönne es ihnen, ich würde ihnen noch viel mehr Meerwasser gönnen, wenn welches da wäre.

Der Denker sagt mir soeben, ich dürfe auch etwas verlangen, aber mir fällt nichts ein: Nicht Gesetzgebung schlage ich vor (ich hätte nichts dagegen, wenn die endlich wegfahren und andre zurückgeschickt würden, dann hätte ich was zu erzählen, was ich heute nicht habe, es würden andre kommen, aber alles dasselbe; wie immer kommt gleich Not auf wie ein Wind, macht nichts, wird sich wieder legen), sondern erst mal eine solide Ortsbestimmung: Germany, Sweden, dann Ortgründung, dann Ortbegrünung, Eden Eden Eden, Blödsinn, wie heißt das Kaff? Ideomeneo? Dreck, alles Dreck. Wie immer. Da ist die kleinste Hütte, wo wir derzeit sind, noch ein Labsal dagegen, und wir anderen sind auch alle dagegen.

Was noch sagen? Aussichtslos. Rechtfertigung für Tun? Aussichtslos. Erinnerungen dürfen mir jetzt zugeworfen werden, ich werde sie nicht fangen und auch sonst nichts mit ihnen anfangen können. Dabei habe ich keine und könnte jede von ihnen gut brauchen. Der Zuruf der Erinnerung kommt von hinten, von wo ich ihn nicht erwartet hätte. Es ist eine Zumutung für Sie? Sie wollen Einsamkeit? Oder doch lieber Spiel, Spaß, Sport? Wenn Sie das wollen, dann müssen Sie Ihre denkerische Daseinsart ein wenig zurücknehmen, nur ein wenig, was?, dann ist sie ganz weg?, aber nein! Sie werden schon sehen, nehmen Sie Ihr Denken zurück, weil es kein andrer tut, das müssen Sie schon selber machen, und begeben Sie sich in diese äußerste Einsamkeit, die wie ein unbekannter Fluß, nein, ein unbekannter Überfluß, auch wenn Ihnen der Überfluß vielleicht eh bekannt ist, also die wie ein unbekannter Überfluß es geschehen läßt, daß nur Seltene und Wenige dem Einen nachfragen.

Können natürlich auch zwei sein, die nachfragen, aber keine Antwort bekommen. Die Türen bleiben ihnen verschlossen, obwohl sie doch Götter sind! Das, wenn wir gewußt hätten! Aber wir haben eben nicht nachgefragt, weil wir nur uns selbst als Antwort gesehen haben, und jetzt kommt die Sintflut, ein Wahnsinn!, und jetzt müssen Sie ewig Wassersport betreiben und Spaß haben, und was mach ich, wo ich nicht mal schwimmen kann? Wo bleibe ich? Fragen? Ganz weit draußen außerhalb der Grenzen des Unwesentlichen und Gewöhnlichen selbstverständlich, wo ich keine Menschen sehen muß, was ich stets angestrebt habe. Das werde ich wohl noch dürfen. Sie sehen ja auch keine! Ich aber muß endlich mein eigenes Wesen sehen, wenn ich kein andres sehe, muß das, was noch da ist, meins sein. Sie würden das bei Ihrem gar nicht aushalten. Ich kann das, denn mein Wesen ist klein, noch kleiner als mein Wissen, kein Problem!, und ich habe zwar Interesse am Kampf um das Bestehen der großen Geschichte des Daseins, weil doch so vieles dazugehört, da gehört was dazu!, bloß ist da keiner, da ist keiner mehr. Jetzt habe ich heute so gewartet, daß da einer zurückkommt und dann noch einer, bis die Quote erfüllt ist, aber sie haben alle, listig wie Odysseus, Anträge für hier gestellt und bleiben erst mal, und daher geht hier auch nichts weiter, aber das sind Sie ja gewöhnt, damit habe auch ich Sie verwöhnt. So. Horuck, und jetzt nur noch das denkerische Sagen, das ich in meiner kleinen Praxis praktiziere, allerdings nur vormittags, umwandeln in das Verständliche, das bedeutet: nicht immer nur ins Unverständliche hineinsprechen, wo ich nicht einmal mit meinem Handy richtig umgehen kann! Das muß man doch laden wie eine Waffe, damit es was bringt, und ich kann das nicht. Wie soll ich konkret werden, wenn konkret heute keine Boote mehr gehen, weil alle Anträge gestellt haben, so daß man sie erst mal hier behält? Soll ich, soll ich echt mit einem anderen Anfang in das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt eintreten, in der die einen in die andre Richtung fahren, die andren in die eine Richtung, und plötzlich sind die, die in die eine Richtung gefahren sind, dieselben wie diejenigen, welche in die andre Richtung fuhren. Plötzlich sind alle Menschen, alle, alle, alle dasselbe! Das verwehre ich ja sogar den Bäumen, sie sind ganz verschieden. Die Menschen nicht. Das ist jetzt abgeschafft, daß sie verschieden sind, so kann man sie leichter herumchauffieren.

Sogar unsere lieben Alten, welche wir etwas aus den Augen verloren, dabei wollten wir doch Beispiele für Gastfreundlichkeit aus ihnen machen, sind inzwischen eingeschlafen, auch die treue Gans, die sie schlachten wollten, allerdings erst, als sie die Götter als solche erkannten und ihnen was opfern wollten, und zwar etwas, ein Wesen, das nicht sie selbst waren, alles andre opfern, nur nicht sich! Und außerdem: Vorher konnten sie nichts opfern, vorher mußte die Speckseite genügen, auf die sie gefallen waren, nein, die nicht, wir alle sind auf die Speckseite gefallen, die aber nicht, man sieht es auch von außen schon, also, wie weiter? Ja, die Götter haben das Opfer nicht angenommen, die Gans darf mitkommen, sie darf sich, wenn sie kann, gern unter die Wassersportler mischen, die jetzt alle herbeiströmen werden, wenn das Denken einsetzt und das Wasser hereinbricht. Aber dann wird es zu spät sein, wenn der Stab für diesen Einsatz gehoben wird, dann würde nämlich das Heutige fernbleiben und das Fortgehen ein Vorangehen werden. Ich höre die Spalten der Foren aufschreien: Ja, bitte fernbleiben, fortgehen, besonders Sie!, das Vorangehen gar nicht erst versuchen oder nur für die, die nicht bleiben dürfen, für alle, vorangehen für alle, nicht versuchen, es gleich tun, am besten sofort was unternehmen, das Bleiben ist sonst für uns verseucht, wir warten dringend, daß die Götter uns diesen riesigen neuen Pool hinbauen, ach, hätten wir nur früher gewußt, daß wir ein neues Meer kriegen, eine neue Sintflut!, wir hätten uns neue bunte Wasserretter, nein, Wasserbretter und Winddrachen dafür gekauft, vielleicht werden uns die Götter ja Wind und Wellen dazuschenken, wenn wir sie schön bitten!, alles voll Wasser, alles Land unter, ja, so ist es fein, die Sintflut, die muß das sein, so viel Wasser hat keiner je auf einem Haufen gesehen; macht nichts, kann kommen!, im Wasser sind wir sogar besonders gern, wir lieben es, unsere Schiffe fahren auf allem, auch auf Toten, macht nichts, unsere Einzigartigkeit macht uns sicher, das kann nur für uns gedacht und gemacht sein. Soll das ein Schein sein? Nein, das ist kein Schein, oder doch, lassen Sie sehen, doch, es ist ein Schein, den müssen Sie ausfüllen und unterschreiben, dann nehmen wir Ihre Fingerabdrücke, und Sie haben hiermit den Antrag gestellt, das Boot fährt nicht mit Ihnen zurück, das wird es erst in zwei Monaten tun oder gar noch später, denn Sie können ja in Berufung gehen, noch bevor Sie mit Ihrem Antrag abgeschmettert werden, aber berufen Sie sich nicht auf mich, berufen Sie sich auf diese beiden alten Leute in der Hütte, die haben das alles bereits für Sie erledigt, Sie müssen gar nichts mehr tun, als Ihr Schwimmfloß aufblasen, mit Fußtritten geht das rasch und gründlich. Der Schein von Ihnen muß als notwendig ertragen werden, nur nicht von mir, ich habe meinen eigenen Heiligenschein und muß überhaupt nichts tun. Gar nichts. Einfach nur nichts.

Mit herzlichem Gruße kommt den Göttern das wackere Paar schon entgegen, also wenigstens zwei Leute haben sie aufnahmebereit gefunden, die Götter. Die Gäste sollen sich jetzt einmal ausruhen und ein Fußbad nehmen. Den Unsinn mit Surfen machen wir gar nicht erst mit, so, wir füllen diese kleine Schüssel mit Wasser, das muß genügen. Wenn jemand die umschmeißt, wird es keine Sintflut geben. Was, unsere Nachbarn haben Sie nicht reingelassen? Wir aber, wir lassen Sie rein. Und wir machen Ihnen auch ein Bett, während Sie das Fußbad nehmen, wir bringen auch Teppiche, die zwar alt und schlecht sind, aber wir haben keine anderen. Wir ehren Sie, Sie lieben Gäste, legen Sie sich nur drauf, Sie werden sehen, die sind weicher, als sie aussehen, im Gegensatz zu unseren Nachbarn, bei denen Sie keinen Einlaß fanden, hart und selbstsüchtig, wie die sind, wir könnten Ihnen Sachen von denen erzählen, die würden Sie nicht glauben! Aber in unserer niedrigen, kleinen Hütte ist Platz für Sie, das sehen Sie ja. Wir lassen Sie ein, wir lassen Sie in unserem eigenen Bett schlafen und nehmen das Sofa, denn wir mögen nicht die Lässigkeit und Feigheit des Sich-Heraushaltens, wir wollen lieber den Kampf um Inständigkeit und den Kampf um die Fragwürdigkeit des Seins, also bitte, fragen Sie nur, fragen Sie ruhig! Wir werden dann entscheiden, ob es eine würdige Frage war. Wir leben schließlich schon lang genug. Oh, der Tisch wackelt? Das sollte eigentlich nicht sein! Aber kein Wunder, er hat auch nur drei Beine, Sie miteinander haben vier, und es könnten durchaus noch mehr werden. Dem zu kurzen Fuß schieben wir eine Scherbe unter, den dort, der gar keinen Fuß mehr hat, schieben andre im Rollstuhl Tausende Kilometer weit, aber hier soll jeder Schein des Willkürlichen vermieden werden, damit Ihre Befremdung über die Menschen umso härter ausfällt, werte Götter!, bitte, legen Sie sich nur hin, Sie haben es sicher nötiger als wir. Ich bin so enttäuscht, daß heute keine Boote mit Leuten ankommen, die zuvor hier waren und wieder zurückgeschickt werden, und mit anderen machen sie dasselbe, das hätte ich mir gern angeschaut. Wandel ohne Handel. Was wir aber merken, es springt uns geradezu ins Auge, ist, daß sich der immer von neuem gefüllte Becher nicht leeren will. Da stimmt was nicht. Zürnen Sie uns bitte nicht, Götter, weil wir so arm sind, wir haben nicht mehr, als wir geben, aber jetzt haben wir immerhin Wein, und bald werden wir Wasser genug haben, um alle zu ertränken, die nicht schwimmen oder bootfahren können. Danke, Götter, jetzt wissen wir, wer Sie sind. Alles klar. Wen könnten wir noch anbieten? Ach ja, die Gans, die einzige Gans in ihrem Ställchen, die könnten wir Ihnen doch opfern, wäre das nicht fein? Also nichts wie hin. Die Gans gast an, sie rast herum, schreit, flügelt, von Gans kann man schon gar nicht mehr reden, sie spricht ja schon fast: Bitte verschonen Sie mich! Wenn Sie Götter sind, verschonen Sie mich, Sie können auch ohne mich jeden Tag Gänsebraten essen, was brauchen Sie mich? Gut. Name und Begriff sind hiermit überwunden. Ich weiß auch nicht, wie. Aber da steht es, in der Geschichte des Seins ist es verankert. Was will man machen. Was sagen Sie? Wir haben es uns schon gedacht, aber sagen Sie es trotzdem! Wir hören es immer wieder gern, auch beim ersten Mal. Das mindeste, das Sie als Götter sagen könnten, ist für uns schon das Höchste.

Sie sagen: Der Menschen Gastlichkeit zu erforschen, stiegen wir nieder zur Erde. Eure Nachbarn, nein, nicht Sie natürlich, obwohl Sie sicher auch Nachbarn haben und Nachbar sind, nein, nicht Nachtbar, Ihre Nachbarn also sind ruchlos, und sie sollen der Strafe nicht entrinnen. Wassersport bis in die Ewigkeit und noch länger, drüber hinaus, macht ja nichts, sie wollen gar nicht mehr raus aus dem Wasser. Alles haben die Götter in einen wogenden See verwandelt, vielen Dank, das hätten wir sonst selber machen müssen. Jetzt sind unsre Häuser viel mehr wert, weil sie am Wasser stehen, auch wenn sie eigentlich im Wasser stehen und nicht mehr zu sehen sind, wir wissen ja, daß sie da sind, selbst wenn wir sie nicht mehr sehen können. Es gibt jetzt außerdem Methoden, das Unsichtbare und die Unsichtbarkeit gleich dazu über eine ferne Insel zu verkaufen, eine Insel, die unter ferner liefen läuft, also gar nicht, sie bleibt stehen, die bleibt uns erhalten für all die Gaben, die wir erhalten haben, um uns auch weiterhin und noch länger so gut wie bisher erhalten zu können. So. Schicksal beweinen, Hütte wird zum goldenen Tempel, zur Belohnung, die Alten werden dort ihren Dienst als Hausmeister versehen, Sie kennen das ja, den ganzen Tag putzen. Riesige Flächen. Die Hütte hat weniger Arbeit gemacht. Ob Sie jetzt den Sprachgebrauch gründen oder ergründen, es bleibt sich gleich. Für die einen Sport, für die anderen Dienst an den Göttern. Was bleibt mir? Der Schein des bloßen Redens über Dinge, die es nicht gibt.

SO, UND DEN REST KÖNNEN WIR UNS SCHENKEN, ICH GEBE IHN ABER GERN WIEDER, DENN IRGENDWAS MÖCHTE AUCH ICH WEITERZUGEBEN HABEN:

Weil wir so lange, sage ich, mein Mann schläft noch, aber er zählt genauso viel, weil wir so lange in Eintracht miteinander gelebt haben, egal, was die Nachbarn uns angetan haben, lassen wir es jetzt gut sein, ihr Lieben. Doch irgendwas läßt mir keine Ruh. Wie sollte ich sonst zur Entstehung übernatürlicher Wesen wie dieser beiden vorstoßen, die ließen das doch nie zu! Die Götter haben immer zwei Gesichter (nur die Dreifaltigkeit hat drei, die brauchen wir jetzt aber nicht, die ist drei, aber einmalig), ja, sie bestehen alle aus der Vereinigung von Böse und Gut, das ist überhaupt ihr wertvollstes Gut. Das gehört zu ihrem Spiel der Gewalt, daß sie milde und kriegerisch sein können, man weiß bei ihnen nie, woran man ist. Im allgemeinen ist das auch wieder praktisch, denn wenn man jemand tötet, kann man immer einen der beiden umbringen, und man wird natürlich den monströsen Doppelgänger wählen, nicht den netten Mann und Familienvater, den wird man nicht antasten. Schauen Sie sich doch Ödipus oder Dionysos an, furchtbare, von ihrem Schöpfer wenig durchdachte Geschöpfe, eigentlich Ungeheuer, für die man normalerweise zwei Personen benötigen würde, um sie fassen zu können. Meist hat es keinen Sinn, sie anzuflehen, die beiden Alten aber trauen sich, vielleicht weil sie auch eine Art Doppelgänger sind und die Götter sie als ihre Verwandten erkannt haben? Setzen sie etwa darauf? Würde ich nicht, aber bitte. Auf dieser Ebene sollte doch auf jede klare Unterscheidung zwischen physischer und moralischer Monstrosität verzichtet werden. Wenn ich denke, was dieser Zeus alles auf dem Gewissen hat, und der Hermes war gewiß auch kein Engel, muß ich googeln, so einen Hut würde ich jedenfalls niemals aufsetzen, um mich aufzuspielen, da fängt es schon mal an. Und meine Schuhe gefallen mir auch besser.

Die Alten sprechen jetzt also, sie sprechen zu den Gottheiten, egal, alle diese Figuren sind ohnedies Ungeheuer, alle sind das Entsetzen, oder sie bringen es zumindest, und alle gleichen sie sich, und die beiden Alten, welche am Ende in Bäume verwandelt werden, zwei Stück Bäume, sind auch nicht nur gut, ich würde sagen, jeder von ihnen vereinigt in sich auch das andre Geschlecht, wie der blinde Seher mit den Gerüsten, nein, Brüsten, und daher sind sie beide eins und einer oder eins und eine, je nachdem, wie man es sieht. Sie wagen es also, die Götter direkt anzusprechen, denn ihr religiöses Denken, welches derzeit leider überall vorherrscht, unterscheidet nicht zwischen den beiden Seiten der Gottheiten, biologischen Zwillingen, und den vom Zerfall der Ordnung, bei dem Sie derzeit zuschauen können, gezeugten Zwillingen der Gewalt. Was sagen sie da? Was reden sie da wieder für einen Blödsinn? Oder meine ich mich? Nein, lieber nicht! Und ich bin doch eh ruhig! Was sagen sie da, die zwei? Oh, so lasset uns beide in ein und derselben Stunde dahinsterben, wenns soweit ist, bitte, bitte. Dann schau ich niemals das Grab des geliebten, Namen bitte hier einsetzen und unterschreiben, dann muß ich nie auf ein Grab sehen, dann dürfen wir alle in Griechenland bleiben und müssen nicht in die Türkei, entschuldigen Sie bitte, also ich muß sein Grab nicht sehen und er meins nicht, er muß mich dann auch nicht bestatten. Nach uns die Sintflut, und da ist sie auch schon, da bricht sie herein, gut gemacht! Und wenn wir einst, von Alter und Jahren aufgelöst, zusammen auf den heiligen Stufen stehen, die wir nicht mehr schaffen, jedenfalls nicht bis in den dritten Stock, das Häuschen war auch in dieser Hinsicht besser, wenigstens ebenerdig, rollstuhlgerecht, übrigens das einzig Gerechte hier, ja, wir, wir aber, wenn wir dann irgendwo stehen, wo wir grad noch hinaufgekommen sind, obwohl wir keine Aussichten mehr haben: des wundervollen Geschicks gedenkend, daß uns Alter und Jahre aufzulösen gaben, schauen wir ins Tal, welches inzwischen zur Gänze aus Wasser besteht. Was will ich damit andeuten? Ich meine, daß uns Alter und Jahre langsam aufgelöst haben, wir verstehen es aber immer noch nicht, was aufgelöst? Wir verstehen die Auflösung nicht, wir haben das einzigartige Wissen, nein, die einzigartige Notwendigkeit des neuen Wissens für die Ergründung unseres Daseins nicht, und jetzt ist das Dasein selbst zu Ende, das geht manchmal schnell, wir werden es also nie erfahren, wir werden nie erfahren, wie die Auflösung lautet. Wir hören nur den Tusch vom Orchester, weil wir wieder eine Runde weitergekommen sind. Wir sehen einander in grünem Laub verschwinden, einer den anderen, schon wachsen um unser beider Gesichter schattige Wipfel in die Höh. Leb wohl, du Trauter, trau dich ja nicht, wiederzukommen! Leb wohl, du Liebe, trau dich ja nicht, jemand andren zu lieben! So sprechen wir beide wechselnd, solang wir noch reden können. Sonst ist keiner da. Nur die Jauchzer, das Kreischen und Schreien von diesem riesigen Pool, den sie uns vor die Tür gestellt haben, sind zu hören. Die Menschen toben herum, in unübersehbarer Menge, ich glaube, das sind wirklich alle, die es gibt, vielleicht ist ihr Dasein nicht unbedingt nötig, ich weiß es nicht. So endigen wir. Er ist eine Eiche, ich werde eine Linde. Noch im Tod stehen wir traulich zusammen, so wie wir im Leben unzertrennlich waren. Sonst ist keiner mehr da. Keiner zu Hause? Wir hören nichts, und von uns hört man nur ein leises Rauschen, das von unserem Wartenkönnen zeugt. Aber worauf? Worauf warten? Daß wir wachsen und zum Wald werden? Das habe ich schon einmal geschrieben, und ich war nicht einmal die erste! Zeit aufzuhören. Auf Wiedersehen. Was wird gesagt? Fromme sind den Göttern wert. Ehre wird denen zuteil, die Ehre erweisen. Da stellt sich dann der eine zum anderen, ein Baum zum anderen, nicht wahr, und zwar so, daß sie, in diesem Fußfassen, in diesem Verwurzeln im eigenen Grund, nur unser Sein verwandeln, ohne die Verwandlung anderer eigens einzubeziehen. Die anderen brauchen wir nicht. Wir können es allein, weil wir, nein, es ist zu schrecklich und zum Glück ist auch das nicht von mir, so gut wie gar nichts ist von mir, deshalb kann ich es ruhigen Gewissens hinterlassen: weil wir über uns nicht im Klaren sein wollen. So. Und jetzt fürchten Sie sich, daß ein Blinder Ihre Erfolge verrechnet, sich verrechnet, gegenrechnet und immer was andres rauskommt, etwas Entsetzliches. Die andre Hälfte der Geschichte. Ich sage jetzt nichts mehr. Das ist noch das Beste daran, wenn zwei einer geworden sind, daß einem keiner zuhört, egal, ob man was sagt oder nicht. Also kann man es lassen. Es merkt eh keiner.

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Na ja, die üblichen Bedächtigen halt. Dazu noch: René Girard: Das Heilige und die Gewalt. Was aber auch üblich ist.

10.4.2016 / 21.4.2016

Bilder: Peter Paul Rubens:
1: Jupiter und Merkur bei Philemon und Baucis, um 1620
2: Gewitterlandschaft mit Philemon und Baucis, ca 1625


Philemon und Baucis © 2016 Elfriede Jelinek

 

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