Anruf zu Hause

Hallo, Mama?

Kein Plaudern, kein vor dem Fernseher Gesellschaft Leisten, aber, was noch besser ist: überhaupt kein Leisten mehr, ich tauche meinen Fuß in deine Ewigkeit und ziehe ihn gleich wieder zurück, weil ich ihn mir in deiner Nähe, wie üblich, verbrannt habe, von dem wird mir keiner mehr den Leisten abnehmen. Und du wirst das auch nie mehr tun. Mein Leisten gehört jetzt mir allein. Mama. Du sollst doch nicht um deine Tochter weinen, die Tochter soll selber weinen, hat sie ja auch, geweint, als sie einst jammerte: Mamatschi, schenk mir ein Pferdchen, ein Pferdchen wär mein Paradies, ja, das wärs wohl gewesen, wie aber hätte ich es, das Pony, das ich mir gewünscht hatte, in diesen Pferch von einem Heim (keineswegs: vor einem Heim!) sperren sollen?, schon der Tierschutzverein wäre dagegen gewesen, und von einem Kinderschutzverein haben wir damals nichts gewußt, und hätten wir von so etwas gewußt, wir hätten es nicht zur Kenntnis genommen. Wir hätten es zu einem Anlaß genommen, mich zu zwingen, nicht dauernd in meinem Denkkostüm nackt herumzuspringen, denn ich hatte keins, das heißt, da war nichts, nicht im Sinn von des Kaisers neuen Kleidern, die keine sind, ihm aber zustehen würden, daher glauben ja alle, er hat welche, sondern in dem Sinn, daß ich wirklich keine hatte. Kein Denkkleid. So, dafür hab ich jetzt aber auch kein Gedenkkleid für dich, Mama. Wenn da ein Kleid wäre, gehörte es mir nicht. Wie habe ich geschrien: Das ist nicht meins!, aber was es auch war, es war erwünscht, nur bei dem zu bleiben, was ich nicht hatte, Kleidung, ein Phantasiekostüm, ein Evaskostüm, nein, niemals nackt, schon gar nicht als Zeitvertreib, die Zeit wird gröblichst mit dem Leisten vertrieben und mit sonst gar nichts, ob es mir nun paßte oder nicht, ob er mir paßte oder nicht, der Leisten, dort mußte ich bleiben, der wurde extra für mich zurechtgeschustert, obwohl ich doch kein Schuster war und gewiß keiner werden sollte, auch wenn ich dir oft genug abgeschaut habe, wie man sowas macht: jemanden zurechtschustern. Damit er schon bei der Geburt groß rauskommt, weil man ihn so gemacht hat, in Wien sagt man ja auch Schustern zu Ficken. Mama, ja du dort in der Ewigkeit, aber hallo, so ein Wort würde ich nie von dir empfangen! Sicher hast du die dort oben schon ordentlich aufgemischt, und Engel strecken jetzt ihre Füße vor, um sie abmessen zu lassen, obwohl sie Schuhe gar nicht brauchen. Du hast sie überzeugt. Wieso soll ich dich überhaupt anrufen?, du bist doch eh immer da! Daß du nicht weg gehst, auch wenn du längst weg bist, das ist ein Tribut, den man deinen schlechten Manieren im Himmel zollen muß, denn zu den Mahlzeiten kommst du immer pünktlich, aber zu allem anderen auch. Schon eine Stunde davor stehst du bereit, geschneuzt und gekämmt, wie man früher gesagt hat, jetzt sagt man gar nichts mehr, Ausnahme: meine Mama, die sagt natürlich auch wieder so einiges, und damit geht sie gleich zum Chef persönlich, nein, es ist eher unnatürlich, bestenfalls übernatürlich, daß die dort noch Reden halten kann, sie befiehlt also sogar dem Herrn, egal wem, welcher halt grad dort ist und Dienst hat, hoffentlich nicht Allah, mit dem ist nicht zu spaßen, naja, sie spaßt ja auch nicht, sie meint das alles ernst, und sie sagt ihm also, was er zu tun hätte, wäre er an ihrer Stelle, die sie ihm aber niemals abtreten würde. Mama ist keine Konvertitin, denn sie würde nicht wissen wohin, in welche Richtung, das wäre ja auch unnötig, sie ist nämlich die, die immer da ist und nicht weggeht, nein, auch nicht anderswohin, sie ist schon so geboren, so wie sie jetzt ist, das heißt, sie geht niemals fort, nicht einmal ins Wirtshaus, sie wartet immer, allzeit bereit, und wenn es Stunden dauert, und dann erwischt sie dich mit sich selbst, mehr hat sie nicht, mehr braucht sie nicht, vielleicht noch ein Einfamilienhaus für sich dazu, aber Hilfsmittel braucht sie ebenfalls nicht, sie ist jedes Mittel, das ihr recht ist, nur nicht Mittelmaß. Das ist ihr verhaßt. Hör zu, Mama, noch schöner war es, wenn du mich bei einem gewissen Etwas erwischt hast, das war ja im Prinzip, und es war dein Prinzip, immer möglich, ich sage nicht, worin dieses Etwas bestanden hat, jedenfalls: Ich habe nicht bestanden. Ich bin dir nie durch die Finger geronnen. Was du einmal hattest, das hattest du. Das ist dir geblieben. Du Mutter du,  bist das Ertappen, das verkörperte Verkommen in der Etappe, das man ohne eine Mutter, wie du mir klargemacht hast, aus sich selber heraus verkörpern würde. Doch jedes Vorkommen wie jedes Verkommen hat hier seine Gültigkeit, hätte es eine gehabt, komplett verloren, diese Gültigkeit gilt hier nicht, denn hier gilt nur der Körper etwas, den sie gemacht hat, die Mutter, den du gemacht hast, Mama, und zwar, indem du ihm, kaum daß er da war, mit deinem blöden Leisten eins übergezogen hast, nein, so kann das nicht stimmen, denn das Leisten war immer schon vorher da und hat seinerseits auf deine Befehle gewartet, nachdem es in deiner Werkstatt wieder mal gründlich gewartet worden ist. Es wartet demnach, mir nach!, geschneuzt und gekampelt, wie ich auch früher schon einmal gesagt habe, denn was Neues fällt mir nicht ein, geschniegelt und gebügelt, niedergebügelt, ja, das ist wichtig!, niedergebügelt wartet das Leisten schon Stunden, bevor es in Gestalt von Zinseszins- und Rentenrechnungen, für die man eine ins Gesicht geknallt kriegt, bevor man noch irgendwelche Zinseszinsen kassieren konnte (von Mama haben die Banken das ja gelernt!), bevor man sie noch ausrechnen konnte, das war es ja!, genau!, nein, leider nicht genau, man konnte es nie richtig ausrechnen, und der Leisten der Mutter, nach dem man geformt war, ich geformt war, kam bedrohlich nahe, so, und jetzt zischt er endlich vorbei, nachdem es so lang gewartet hat, ein schrecklicher Luftzug, als hätte man alle Fenster zugleich bei einem Tornado mittlerer Stärke geöffnet, und da kommt das Leisten also  dahergeflogen. Hinter seinem etwas hölzernen Leisten, bei dem es so lange ausgehalten hat. Bis es total fertig war. Du kannst es, du willst bloß nicht, stand auf dem Leisten drauf, der zu schnell, in Gestalt einer Ohrfeige, an mir vorbeiflog, bevor ich überhaupt etwas leisten hätte können, aber ich sage jetzt, nachträglich, da es nichts mehr nützt und ich genügend Schuhe besitze: Ich kann es nicht. Ich konnte es nicht, und ich kann es nicht. Unterricht ist heimlicher, heimatlicher Rat von dir gewesen, aber er war natürlich viel mehr, Befehl ist Befehl, da kann man nichts machen, er war das Verbot, hell und laut zu lachen. Lachen verboten. Man kann das Leisten nicht ordentlich abmessen, wenn man dabei lacht, das verzieht das Gesicht, das blutet in den Schuh, das tönt aus dem Mund, dieser tönernen Glocke, daß man es nicht aushält, das erinnert daran, daß man das Leisten gemacht hat, aber nicht, damit es sich danach selbständig macht und umgekehrt endlich ein Schuh draus wird, das hast du mir verboten, wie alles übrige auch. Wenn du dich selber lachen hören könntest, würdes du nie wieder lachen, sprachst du mir zu, ich meine: sprachst du zu mir. Sag das jetzt mal zu den Engeln, du wirst schon sehn, was dann passiert. Man stellt dich in ein besonders großes Lachen, und dann schaltet man den Strom ein, aber keine Chance, der trifft dich nicht, der Blitz aus Elektro, der schlägt neben dir ein, vor dir, hinter dir, obwohl du ja da stehst, zwar geerdet, mit beiden Beinen in der Wirklichkeit, aber auch wenn du zusätzlich noch bis zu den Knöcheln in der Lache stehst, du bist einfach immer ganz besonders geerdet, ja, hier, genau hier bist du geerdet, sogar wenn du längst im Himmel bist oder wo auch immer, im Ätherrausch, aber Rausch war nichts für dich, du warst eher nüchtern, ein nüchterner Mensch, denn Sadisten sind immer nüchtern und trocken, die Lache macht dir also gar nichts aus, und der Strom macht dir auch, trotz der Lache, die ihn doch geradezu anzieht, nichts aus, das ist jetzt anders als früher, da du mein Lachen nicht ertragen konntest. Jetzt mußt du es, aber es macht dir nichts aus. Es ist ja weit weg. Nur ein müdes Glimmen erzeugt der Hochleistungsstrom des Blitzes bei dir, wie von einer zur Neige gehenden Taschenlampenbatterie, mehr nicht. Kommt ein Vogerl geflogen, setzt sich aber nie bei mir nieder, setzt sich nie nieder auf meinem Fuß, und wenn der jetzt im Wasser stünde, würde mich der Blitz natürlich erwischen, garantiert, er würde mich aber auch erwischen, wenn ich auf dem Trockenen säße. Mich erwischt es ja immer, z. B. heute: Ich habe die Verpflichtung von dir übernommen, nicht zu träumen, nicht ins Narrenkastel zu schauen, Mama, und natürlich mußte ich sofort das Gegenteil machen, denn sonst hätte ich doch nie von diesem entsetzlichen spitzigen kralligen Vogel geträumt, der mir ins Haar geflattert ist!, kreischend, das war schrecklich, aber es war nur heute, immerhin, du warst immer und bist immer und ewig, Gott macht sich schon Sorgen um seinen Status, weil dein Leisten dich berechtigt, immer und ewig zu sein, und das ist doch schon er! Du machst ihm seinen Rang streitig! Das gefällt mir gut. Na, ihm gefällt es weniger. Sollen doch andre schauen, wie sie ihre Ewigkeit vor dir retten können, ich habe meine Ewigkeit auch, danke, Mama, ich hab sie und werde sie später mit meinem Leisten abmessen, bevor sie mir noch was wegmessen kann, man muß einfach schneller sein, was nicht allzu schwer sein dürfte, du warst schließlich immer viel zu früh dran. So. Das mach ich aber später.

 


O.J. & E.J., Wien, 1987

 

2.10.2007

Der Text wurde am 29. September 2007, bei dem "5. Wochenende der jungen Dramatik - Da kann ja jeder kommen" an den Münchner Kammerspielen, von Jorinde Dröse und Sandra Hüller in Szene gesetzt.

 


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